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Deutsche Freundesbriefe aus sechs Jahrhunderten

Verschiedene Autoren: Deutsche Freundesbriefe aus sechs Jahrhunderten - Kapitel 269
Quellenangabe
typeletter
authorJulius Zeitler
titleDeutsche Freundesbriefe aus sechs Jahrhunderten
publisherVerlag Julius Zeitler
editorJulius Zeitler
year1909
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20140417
projectid5cbef5e6
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267. Hinrich Lichtenstein an Carl Maria von Weber

Berlin d. 7.ten Novbr. 1812.

Eben da ich zu Hause komme, um Dir mein bester Weber einige Worte (aus Gründen und in Angelegenheiten, die nachher berührt werden sollen) zu schreiben, finde ich Deinen Brief aus Weimar vom 1ten und sehe das allerdings als eine Aufmunterung mehr zum Schreiben an. Nur wollte ich allerdings wieder. Du wärst mir etwas vergnügter und lebenslustiger, denn es kann mich ärgern, daß Einer, der der Kunst so im Schöße sitzt wie Du, sich noch von den prosaischen Lebenslagen kann irre machen lassen. Traurige Erfahrungen? Je nun die sind vorüber und haben uns weise gemacht. Mitten im höchsten Glauben? Da liegt eigentlich der Fehler; warum glaubt man, wenn man ein so kluger Mensch ist, der wissen müßte, daß man wohl etwas glauben soll, aber nicht an etwas glauben darf. Will man glücklich sein, so muß man das Leben mit allem, was drin ist wie Naturerscheinungen betrachten, die vorübergehen und an deren keiner man seinen Glauben, sein Glück, seine Existenz hängen darf, wenn man auf den Füßen bleiben will, wie nahe man sich auch mit ihnen verwandt fühle. Selbstständigkeit ist nicht Egoismus. Man kann lieben, glauben, vertrauen und Vertrauen und Liebe erwerben, und doch frei bleiben, vor Allem wenn man einen solchen innersten Rückhalt hat, wie die Kunst oder die Wissenschaft und notabene wenn nicht das physische Bedürfniß oder Sorgen der Leibesnahrung und Nothdurft drängen, von denen wir Beiden ja gottlob frei sind, die wir wenig bedürfen. Da habe ich aber jetzt so einen braven rechtlichen Menschen hier, den Seckendorf (der über die Kunst, besonders über die darstellende viel und tief gedacht und geschrieben hat), der ist hieher gekommen, um sich und seine Ansichten mitzutheilen, glühend für seinen Gegenstand und eingetaucht in die Berliner Welt wie in kaltes Wasser, misverstanden wo man ihn hört; wegen seines Aeußern (das doch nicht übel ist), bekrittelt, wo man ihn sieht, kurz zerdrückt und zerknickt bis ins Innerste. Und der hat daheim eine Frau und sieben Kinder und kein Brod für sie und keine Aussicht zu einer Anstellung und hier Niemand als mich und hält doch den Kopf immer über dem Wasser und sinkt nicht und wenn Gott will, bringen wir's mit gutem Muth dahin, daß die Berliner ihn erst hören, dann sich an ihm freuen, ihn ferner bewundern wie er's verdient und endlich, vielleicht in den Himmel erheben wie ers nicht verdient und wie sie's des Gegensatzes willen schon mit so vielen gemacht haben.

Drum mein Freund sei nicht verdrießlich und grämlich und bedenke, daß Du der Welt einen heitern Sinn zu bewahren hast, der sich noch in manchem Werke offenbaren muß, wenn Deine Kunst und Dein Wissen nicht umsonst gebildet und gesammelt sein sollen. Du stehst nicht allein, das leugne ich Dir, und wenn Du nur willst, kannst du tausend Herzen dein eigen machen und unter den tausend werden doch an jedem Ort wohl zwei zu finden sein, die es Werth sind, daß Du dich ihnen wieder hingiebst und die Freude am Leben und am Schönen mit ihnen theilst. –

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