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Deutsche Freundesbriefe aus sechs Jahrhunderten

Verschiedene Autoren: Deutsche Freundesbriefe aus sechs Jahrhunderten - Kapitel 268
Quellenangabe
typeletter
authorJulius Zeitler
titleDeutsche Freundesbriefe aus sechs Jahrhunderten
publisherVerlag Julius Zeitler
editorJulius Zeitler
year1909
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20140417
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266. Graf Löben (Isidorus Orientalis) an Justinus Kerner

Dresden, den 22. Juni 1816.

Teurer inniger Mensch! ich kann nach dem Empfang Deines Briefes, der in diesem Augenblick mir gebracht wird – ich kann nicht anders in diesem Augenblick, als Du zu Dir zu sagen, so hat er mir die innerste Seele schmerzlich süß durchdrungen. Nimm dies Zeichen meiner Liebe mit Deiner Liebe auf. Es gibt noch göttliche Pulsschläge im Leben, wo wir einander wunderbar einfach klar werden, und das kann nirgends anders herkommen, als weil uns in solchen Gott besonders zu sich zieht, denn in seiner Liebe wird ja das dunkle Leben selbst ein lichter Punkt – solche Blicke müssen wir freudig festhalten und sollten und könnten wir selbst wieder kälter über dies Aufwallen nachdenken, es sind doch die schönsten des Lebens gewesen, und so oft sie wiederkehren, kehren wir aus weiter, starrer, bleicher, neblichter Fremde in uns selbst heim. Fühlst Du hierüber wie ich, – und wie sollte dies denn anders möglich sein? – so sei mit mir freudig, daß jenes kleine Mißgeschick mit Deiner Dichtung Deinen Brief veranlaßt?, der mich über allen Schmerz wegen Deines mir nicht deutlichen Betragens hinweghob an Dein mir in dieser Deiner Schmerzensbeleuchtung sonnenklares Herz! Dieser Brief ist eine höhere Verschreibung unserer Freundschaft, die, mir sagt es, was gut und rein ist an meiner Seele, überreicht in jenes in Gott selige Geisterreich. O Kerner! was kann solche überwallende Liebe auf Erden, wie wir sie im Busen tragen, was kann sie anders, als das ganze Leben in einen stillen Schmerz verwandeln? Aber den Kalten ist dies Leben Stein, wohl uns, daß es uns zur Thräne wird, worin sich sehnsüchtig der Himmel spiegelt. Dieser stille Schmerz ist ja der Flügel, der uns ihm entführt und uns verläßt, ehe das Heimweh zur selbstzerstörenden Flamme geworden. O Sehnsucht, Sehnsucht, du Befreier! Das Manuskript der Hesperiden wird erst in diesen Tagen nach Leipzig abverlangt werden. Da die ganze Dichtung von Dir im Morgenblatt abgedruckt ist, so trage ich Bedenken, sie sogleich wieder im 1ten Band abdrucken zu lassen. Es hat mir innig leid gethan. Ich habe sie sehr lieb. Vielleicht kann sie doch noch später darin vorkommen, besonders wenn durch irgend eine Anmerkung in dem Morgenblatt darauf aufmerksam gemacht werden könnte, daß diese Dichtung als Probe meiner Hesperiden abgedruckt wäre. Könnte dies geschehen und Du mir sogleich davon Nachricht geben – so wäre vielleicht noch alles ins Gleis zu bringen. Ich wünschte, daß Rückert mit mir in einige Verbindung träte. Ich als der Aeltere kann nicht den Anfang machen. Von Assur habe ich fünf herrliche Gedichte in diesen Band gewonnen. Dank für die Deinen! Ich kann heute nicht mehr, Fouqués Sängerliebe ist eines der höchsten Bücher, die je gedichtet wurden, das bin ich überzeugt.

Nachschrift.

Sonntag fruh 23. Juni.

Ich wehre es meinem Herzen nicht, Ihnen, mein teurer Kerner, dies Blatt der Innigkeit, das ich gestern schrieb, oder vielmehr, worauf ich Herz und Thräne der Rührung abdruckte (die Thränenspur ist ihm auch geblieben), zufliegen zu lassen. Ich fühle es, es ist ein anderes, das heilige Gefühl einer schönen Stunde meilenweit reisen zu lassen, als wenn es wie der Sonne Strahl von Herz zu Herz dringt, als könnt es sich nicht unterscheiden lassen, von welchem Herzen, in welches es floß, – aber auch das meilenweit reisende trifft je ein Gemüt, das mit Freuden um einen Blick der Ewigkeit, das hingibt, was die Menschen Zeit und Raum, lange Vergangenes und weit Entferntes nennen, und so nimm das stille Herzblatt, herziger Freund! ...

Gott sei mit Dir –

Isidorus.

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