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Deutsche Freundesbriefe aus sechs Jahrhunderten

Verschiedene Autoren: Deutsche Freundesbriefe aus sechs Jahrhunderten - Kapitel 264
Quellenangabe
typeletter
authorJulius Zeitler
titleDeutsche Freundesbriefe aus sechs Jahrhunderten
publisherVerlag Julius Zeitler
editorJulius Zeitler
year1909
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
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262. Böhmer an einen ungenannten Freund

Den 30. Oktober 1824.

Sollte denn unser Verhältniß – scheinbar einst so innig – wirklich nur Täuschung und Trug gewesen sein, daß es vergeht, wie die erste, verurtheilt wird, wie der andere? Sollte auch nicht wenigstens ein Gran von dem, was ewig bleibt, ihm beigemischt gewesen sein, der es durch das Reich der Vergänglichkeit hindurchführen und erhalten könnte?

Nur der ist ganz unwürdig, der, nachdem er seine Sündhaftigkeit einsah, nicht wieder vertrauend sich erheben kann, weil er zu verstockt oder zu kleinmüthig ist, um Buße thun zu können, und daher auch nicht wieder in den Stand der Gnade kommen kann. Mit solch' einem wahrhaft Elenden ist auch keine Aussöhnung möglich, zu ihm ist kein Zurückkehren.

Es ist wahr, wer uns zu sehr liebte, lobte, verehrte und erhob, dem sind wir keinen Dank schuldig, weil all' seine Gunst nur Lüge ist, und es wird auch nicht fehlen, daß er den Gegenstand dieser Gunst wie ein Spielwerk wieder wegwirft, wenn er ihn müde ist. Man soll keine Creatur zusehr lieben, denn, welche Ehre bleibt für den Schöpfer übrig, wenn man dem Geschöpf die höchste giebt? Die Alten sagten: lieber Bruder in Jesu Christo. Das ist das Wahre.

Und da ist das Uebel, daß wir uns nicht allesammt vor Gott demütigen, daß die Kirche verfallen ist. Den Freund, neben dem ich vor dem Altar mit wahrer Reue meine Sünden bekannt hätte, den Freund, der dieß neben mir gethan hätte: den könnte ich nur mit der wahren Liebe in Christo lieben und keine Abgötterei mit ihm treiben.

Solches Ziel zu erreichen, soll man sich unter einander ermahnen und um so treuer sich dann die Hand reichen, je strenger die Ermahnung war, je mehr sie zu Herzen ging. Das ist die wahrste Liebe, die ohne Groll ermahnen kann. Es ist dieselbe, welche auch für die Feinde betet.

Ein Tod harret ja Unserer all. Ich will nicht einmal sagen, daß auch, ein Gericht unserer harret. Aber welcher Schmerz, wenn der Freund unversöhnt von uns dahin ging! – Wer weiß, wie nahe mir heute der Tod war? um ein Haar hätte er mich vielleicht ergriffen. So könnte es täglich auch Dir ergehen.

Ich will die Sonne nicht untergehen lassen, ohne mit Dir versöhnt zu sein. In der Gesinnung, wie ich hier geschrieben habe, reiche ich Dir meine Hand zur Erneuerung unseres Bündnisses. Vielleicht, daß, wenn wir nun einmal auf diesem Standpunkte stehen, auch manches vergangene in milderem Lichte erscheint, als gegenwärtig. Manches war vielleicht wirklich gut an sich und nur in äußerlichen Verhältnissen fehlerhaft, oder auch wurde es mißverstanden. Manches, was wirklich tadelnswerth war, war es vielleicht mehr seiner Wirkung, als seinem Entstehen nach, so daß es mehr ein Gegenstand der Warnung ist als der Zurechnung.

So verständigt, wäre vielleicht – und dieß wäre das Glücklichste – der neue Bund nur der alte und wir ständen auf einem Standpunkte, der uns sogar die Vergangenheit wieder gäbe, die wir denn doch aus der Geschichte unseres Lebens nicht wegstreichen können.

Den 1. November, 11 Uhr Nachts.

Wahrlich, die Sentimentalität ist mir verhaßt, weil sie unwahr ist. Aber das Wahrste und Ewigste, das wir haben, ist doch wieder nur ein Gefühl.

Gehe nicht auf den Markt, mein Herz, wenn deine Kammer nicht geordnet und gesichert ist. Ist sie's aber, dann mögen sie dich auch auszischen, du weißt ja doch, wo du zu Hause bist.

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