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Deutsche Freundesbriefe aus sechs Jahrhunderten

Verschiedene Autoren: Deutsche Freundesbriefe aus sechs Jahrhunderten - Kapitel 262
Quellenangabe
typeletter
authorJulius Zeitler
titleDeutsche Freundesbriefe aus sechs Jahrhunderten
publisherVerlag Julius Zeitler
editorJulius Zeitler
year1909
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20140417
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260. Carl Wilhelm Friedrich Kästner an Johann Georg Zimmer

»Der Kastner hat uns ganz vergessen, gar nichts läßt er von sich hören, und die Lotte auch, das sind Leute!« Halt ein, Alter! Gott weiß, daß du und deine Marie und deine Kinder uns so ins Herz gewachsen sind, daß es für jede Zeit und für jede Ferne, sie sei so groß wie sie wolle, nur vergebliche Mühe sein würde, Euch herauszureißen. In Wahrheit kann es Euch auch nicht in den Sinn kommen, nur entfernt zu glauben, daß wir gegen Euch kälter geworden, denn wie wäre das möglich? Wenn der politische Horizont ungetrübt bleibt, so kommen wir nächsten Sommer in Eure Nähe. Dann wird Jahr aus, Jahr ein gearbeitet, daß aus der meilenweiten Nähe eine solche werde, wie sie es sonst in Heidelberg war. Gott wird's geben. – Mein Leben ist sehr einförmig und wird nur erst wieder genußreicher, wenn ich in Eurer Nähe bin.

Die Welt scheint immer finsterer zu werden, die Menschen sind kaum aufrichtiger Freude mehr fähig; überall Abspannung, Mißtrauen, Selbstsucht, Affectation, Eitelkeit. Nur hin und wieder Hoffnung, Vertrauen, Glaube. Indeß, dann auch um so inniger. Eine große Epoche scheint bevorzustehen. Europa stirbt entweder zu Gunsten anderer Erdteile ab, oder erneuert sich mit Riesenkraft, nachdem es fast bis zur Verzweiflung getrieben worden. Irre ich nicht, so stellen sich für letzteres die Geburtswehen ein, wenn nur die Accoucheure aus dem Spiele blieben! Die Heimath ist den Meisten ausgegangen, und statt sich an Den zu halten, der alles Heimweh's Träger und Halter ist, suchen sie sie an allerlei Orten, in allerlei Dingen außer Ihm. Solcher Heimath Zeichen aber, die nicht außerhalb gefunden wird, ist die freie, reine Liebe, die den Menschen begleitet bis hinüber in das Land des Friedens, die hüben und drüben wohnt, und die den Menschen nicht fallen läßt, der ihr einmal nur von Herzen zugethan.

Keine Liebe aber ohne Opfer! Darum, wen Gott liebt, den züchtigt Er. So hoffe ich denn auch zu Gott, wenn neue Züchtigung dem Deutschen Volke kommt, daß Gottes Liebe und ihr Walten nicht ferne ist.

Wird doch der Mensch unter Schmerzen geboren, von Thränen in die Welt geleitet, und sind es doch auch Thränen (Liebes-Tropfen), die ihn zu Grabe geleiten, und die gleich den Thränen des Himmels (dem Regen) den dort der Erde übergebenen Samen keimen machen, daß er jenseits Blätter und Blüthen treibe, dort, wo keine Kette ihn engt, keine Bande ihn zu Boden drückt, kein Tyrannenfluch ihn und Den, der ihn schuf, lästert.

Schwere Zeiten, sehr schwere, hast auch Du, mein Freund, seit wir uns sahen, durchlebt; verzage nicht; Er, der Dich zum Hirten des Volkes berief, Er, der Vater, wird Dir und den Deinen nicht mehr auflegen, als Du zu tragen vermagst. Jedes Leid, jeder Schmerz, jeder Kummer weckt und ruft zum Lichte neue Blätter jener Friedenspalme hervor, die Dir dort unvergänglich grünt.

Erhalte Dir Gott nur Deine Marie und deine Kinder; eben so viel Engel, als sie sind, umschweben Dich und lächeln Dir einst freudig entgegen, wenn Du überwunden.

Die Zeit wird kommen, wo wir wieder sagen können und werden: mögen sie den Leib tödten, den Geist müssen sie lassen frei sein und frei bleiben. – Im Hochgefühl dieser Geistesfreiheit, die Christus in die Welt brachte, grüße ich Dich, glückwünsche ich Dir zum Neuen Jahr: meinem Wollen und Verlangen nach, das Gesegnetste für Dich und die Deinen!

Lotte und Wilhelm grüßen.

Ich bin Dein
Kastner.

Halle, den 25. December 1817.

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