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Deutsche Freundesbriefe aus sechs Jahrhunderten

Verschiedene Autoren: Deutsche Freundesbriefe aus sechs Jahrhunderten - Kapitel 260
Quellenangabe
typeletter
authorJulius Zeitler
titleDeutsche Freundesbriefe aus sechs Jahrhunderten
publisherVerlag Julius Zeitler
editorJulius Zeitler
year1909
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20140417
projectid5cbef5e6
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258. Sulpiz Boisserée an B. Hausmann

Heidelberg, am 20. Oktober 1812.

Grüß Dich Gott, Du liebes, treues deutsches Herz! das sich alter Liebe und Freundschaft erinnert. Dein guter Engel hat Dir den Brief eingegeben, er hat mir eine unbekannte, große, große Freude gebracht. Alles was mich zuerst an Dich angezogen, Dein ganzes Deutsches Wesen, die Gradheit, die Offenheit und Liebe, finde ich darin wieder; und nun hat sich gar bei Dir die gleiche Neigung zur Kunst aufgetan, die mich ganz gefesselt hat. Das ist genug, um sich sein Leben lang lieb zu halten, und Du mußt Dir gefallen lassen, daß ich von jetzt an mit dem vertraulichen Du zu Dir rede, und von Dir es verlange. Ich habe es schon mehrmal erfahren müssen, daß Freunde mir Freunde geworden, daß ich mich in meinen Erwartungen getäuscht, oder daß störende Verhältnisse zwischen uns getreten, aber noch nie ist mir, wie bei Dir, das Glück begegnet, einen Freund wiederzufinden, den ich durch verschiedene Denkart und Beschäftigung ganz von mir entfernt glaubte. Als wir uns 1803 zuletzt sahen, schien es mir entschieden, daß unsere Wege auseinander liefen; ich hatte mich so sehr auf Dich gefreut, und nun warst Du so zerstreut und fremd, das that mir weh. Das wenige, das ich nachher in der Jakobischen Familie von Dir hörte, bestätigte meine Vermuthung, daß Kränklichkeit, Sorgen und Geschäfte Dich zu sehr in der Gegenwart befangen hielten, als daß Du jener fröhlichen Zeiten, unserer ersten Freundschaft gedenken möchtest, und ich verschloß den Antheil, den ich an Deinem Leiden nahm, mit so vielen traurigen Gefühlen, die unsere grausame Zeit erregte, stillschweigend in meinem Herzen. Zuletzt erkundigte ich mich nach Dir, im vorigen Herbst, bei Fritz Jakobi, der mich während meines Aufenthalts in Köln besuchte. Aus dem was er mir sagte, obschon es beruhigend und angenehm war, ahnte ich nichts weniger, als daß wir uns jetzt in Gesinnung und Neigung näher gekommen waren, wie wir früher wohl nie gewesen. Ich hatte durch die wenigen Nachrichten, immer noch ein kränkliches, trübes Bild von Dir im Sinn. Aus Deinem Brief leuchtet aber eine so schöne Heiterkeit und Zufriedenheit, daß ich meine Herzensfreude daran habe, und mit allen unsern Kunstschätzen und erfreulichen Verhältnissen Dich um Dein häusliches Glück und um Deine Kinder beneiden möchte. Ich lebe bloß in der geistigen Ehe mit der alten vaterländischen Kunst, ohne an ihr eine Untreue zu begehen, darf ich in den nächsten Jahren den Wunsch nach Frau und Kind noch nicht erwachen lassen, und wer weiß dann, ob mir überhaupt ein glückliches Verhältnis der Art beschieden ist, da jedem Menschen ein Maß von Glück, und wieder eine Entbehrung zugedacht scheint. Doch ich habe ein so gutes Vertrauen auf des Himmels Gunst, daß ich nicht erstaunen würde, wenn er mir endlich gar nichts mehr an meinem Glück fehlen ließ.

... Sage Deiner Frau alles Gute von mir, küsse Deine Kinder und behalte mich im Herzen, Du lieber theurer Freund.

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