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Deutsche Freundesbriefe aus sechs Jahrhunderten

Verschiedene Autoren: Deutsche Freundesbriefe aus sechs Jahrhunderten - Kapitel 258
Quellenangabe
typeletter
authorJulius Zeitler
titleDeutsche Freundesbriefe aus sechs Jahrhunderten
publisherVerlag Julius Zeitler
editorJulius Zeitler
year1909
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20140417
projectid5cbef5e6
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256. Melchior Hemken an Friedrich von Matthisson

Mein Theuerster! Gleich nach Empfang Ihres mir unschätzbaren Briefes, antwortete ich Ihnen sogleich nach Dessau. Sie nannten mich Freund, Sie wünschten von Zeit zu Zeit Kunde von mir zu erhalten, und ich warte so lange schon mit brennendem Verlangen auf Einige Zeilen von Ihrer Hand. Länger bin ich nicht Herr meiner Ungeduld. Ich muß noch einmal an Sie schreiben. Ist es doch möglich, daß mein letzter Brief den Weg zu Ihnen verfehlte.

Wenn Sie bedenken, daß Sie mir von allen unsern Dichtern der Theuerste sind, dessen süße Gesänge alle Saiten meiner Seele wiederhallen, den ich von früher Jugend an schon liebte, den zu sehen und an mein Herz zu drücken, die seligste Wonne meines Lebens seyn würde; so werden Sie mir mein dringendes Bitten um Antwort gewiß verzeihen. Das Sehnen des Jünglings nach dem Gegenstande seiner Liebe, von dem jede Zeile ihm ein Heiligthum ist, gleicht den Empfindungen meines Herzens für Sie.

Theilen Sie nun auch meine Freude! Ich habe das Glück gehabt, meinen mehrjährigen Freund, den Herrn Hofprediger Starke persönlich kennen zu lernen und selige Tage mit ihm verlebt. Die Stellen, wo wir Arm in Arm wandelten, werden mir für immer heilig und hehr bleiben. So gingen wir am rauschenden Gestade der Nordsee, die nur eine Stunde von hier entfernt ist, und wiegten uns im leichten Nachen auf den Wogen des Weltmeers. Möchte mir diese Wonne auch einmal an Ihrer Seite zu Theil werden! Doch zu kühn ist wol dieser Wunsch! unser Verhältnis wol noch zu neu! Aber könnten Sie ihn erfüllen, Sie brächten mir den Himmel mit. Ist doch der Gedanke der Möglichkeit schon so entzückend, wie würde nicht erst das Anschaun selber seyn! Dies habe ich beym Anblicke meines innigstgeliebten Starke nun erfahren. Niemals hätte ich geglaubt, daß die persönliche Bekanntschaft eines Freundes uns die Hälfte unserer Seele um so vieles theurer machen könnte! Er hat einen Theil meines Herzens mitgenommen. Wie wird es erst seyn dort oben, wenn wir alle unsere Freunde wiederfinden, alle großen Geister kennen lernen, die Jahrhunderte von uns hienieden trennten, dort, wo kein Scheiden mehr seyn wird!

Jetzt nur noch ein paar Worte über Hölty. Schon längst war es mein Wunsch, ihm ein kleines Monument zu errichten. Wo seine Asche ruht, weiß ich. Oft bin ich zu seinem Grabhügel gewallfahrtet. Bald aber wird niemand die Stätte mehr kennen, wo sie den lieblichen Sänger hinlegten. Das Nähere erfahren Sie durch die öffentlichen Blätter.

Mit ganzer Seele Sie verehrend und liebend
Ihr
M. Hemken.

Bockhorn, am 19. December 1804.

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