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Deutsche Freundesbriefe aus sechs Jahrhunderten

Verschiedene Autoren: Deutsche Freundesbriefe aus sechs Jahrhunderten - Kapitel 25
Quellenangabe
typeletter
authorJulius Zeitler
titleDeutsche Freundesbriefe aus sechs Jahrhunderten
publisherVerlag Julius Zeitler
editorJulius Zeitler
year1909
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20140417
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23. Rabener an Christian Fürchtegott Gellert

Liebster Gellert!

Läse ich es nicht in den auswärtigen Zeitungen, daß Sie noch lebten, so würde mich ihr unausstehliches Stillschweigen vorlängst auf die traurige Vermuthung gebracht haben, daß Sie gestorben, oder doch durch Ihre finstere Hypochondrie so menschenfeindlich geworden wären, daß Sie Ihren guten Freund Rabener ganz vergessen können, und sich in das dunkelste Gebüsche zu Störmthal geflüchtet hätten um einsiedlerisch über das unglückliche Vaterland und Ihren verderbten Magen zu seufzen. Aber, werden Sie mit Ihrer hohlen und keuchenden Stimme so einsylbig als möglich sprechen: Lieber Gott – weiß denn der Rabener gar nicht – und das könnte er lange wissen – wissen könnte ers – alle Kinder wissen es – freylich – der König hat mit mir gesprochen! – O mein Hochgelehrter Herr Professor! Freylich viel Ehre für Sie und den Witz! aber das giebt Ihrem Stolze kein Recht, Ihren alten Freund Rabener ganz zu vergessen. Der König hat mir mein Haus weggebrannt, das will noch mehr sagen, als daß er mit Ihnen gesprochen hat, und doch bin ich nicht einen Augenblick stolz darauf gewesen, so wenig stolz, als daß ich so gleich an meinen liebsten Gellert schrieb, und es ihm mit vieler Demuth meldete. Hätten Sie es nicht auch so machen sollen? Hüten Sie sich, ich rathe es Ihnen, Gellert, hüten Sie sich! Ich bin ihr Freund, aber, aber, ich bin auch ein Autor, und wenn ein beleidigter Autor – verstehen Sie mich, Gellert; kurz, ich erwarte mit der nächsten Post einen Brief von Ihnen. Man erzehlet hier so ungereimte Sachen von Ihrer Unterredung mit dem Könige, daß ich große Lust habe die Leute zu versichern, es sey alles wahr, was man davon erzehlet, wenn Sie mir nicht bald antworten, und alles aufs umständlichste melden, was der König zu Ihnen gesagt hat. Noch einmal warne ich Sie, säumen Sie nicht oder ich werde es dem Publico ins Ohr sagen, daß dieser Gellert dem Könige bey seiner Unterredung mit ihm einen weitläuftigten und Finanzmäßig ausgearbeiteten Plan mit aller Demuth eines Poeten überreichet habe, worinnen er gezeiget, wie der Krieg wenigstens noch zwey Jahre könne fortgeführet werden, ohne die Brandenburgischen Unterthanen im mindesten zu belästigen, – ja, ja, mein Herr, das ist mein ganzer Ernst, und haben wir einmal Friede, so sollen Sie, – zittern sollen Sie, mehr sage ich nicht!

Wie ich mich befinde? O ich bin viel zu ergrimmt, als daß ich Ihnen darauf antworten könnte. Unmöglich kann Ihnen viel daran liegen, ob ich krank oder gesund bin, Sie würden mich sonst lange darum gefragt haben. Aber ich merke es schon. Schmollen kann ich mit Ihnen unmöglich. Mitten in meiner patriotischen Wuth liebe ich Sie von ganzem Herzen, und wenn es mir einfällt, daß ich binnen acht Tagen einen Brief von Ihnen bekommen werde, so mögte ich Sie für Freuden tausendmal umarmen!

Ich bin vollkommen gesund, heiter und zufrieden. Ich genieße die ruhigen Augenblicke, die wir jetzt noch als eine Beute davon tragen, und erwarte die unruhigen Tage ohne zu ängstliche Sorge.

Lesen Sie die Innlage an unsern Cramer in Coppenhagen, so werden Sie noch mehr wissen. Mein ganzes Herz ist darinnen, denn seit meinem erlittenen harten Unglücke, ist mir alles ziemlich gleichgültig, und ich kann in einer Viertelstunde mit eben der Munterkeit von meinem Tode reden, mit der ich gegen meine Freunde scherze, wie ich jetzt mit Ihnen, mein bester Gellert, gescherzt habe. Heben Sie diese beyde Briefe auf, vielleicht machen sie, wenn ich heuer noch sterbe, eine merkwürdige Anecdote in meiner künftigen Lebens-Beschreibung, die desto mehr in die Augen fallen muß, da ich in meinem ganzen Leben, wenn ich ein paar Schmähschriften ausnehme, nicht wichtiges gethan, als dieses, daß ich meinen Freund Gellert von ganzem Herzen geliebet habe.

Tausend Empfehle von unsern lieben Commissionsrath und seine redliche Frau. Melden Sie Ihnen, daß unser Hochachtungswürdiger Freund L. auf künftige Mittwoch Hochzeit hat. Ich bin (wie man in Leipzig spricht) ganz Zufriedenheit und ganz Freude über die Verbindung zweyer Personen, die Gott, wie es scheinet, dazu erschaffen hat, um sich durch ihre beyderseitige Tugend und Rechtschaffenheit glücklich zu machen. Leben Sie wohl. Führt sich ihr Herr Bruder besser auf, als sonst, so können Sie ihn von mir auch grüßen, aber daß es nicht jemand merkt.

Rabener.

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