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Deutsche Freundesbriefe aus sechs Jahrhunderten

Verschiedene Autoren: Deutsche Freundesbriefe aus sechs Jahrhunderten - Kapitel 249
Quellenangabe
typeletter
authorJulius Zeitler
titleDeutsche Freundesbriefe aus sechs Jahrhunderten
publisherVerlag Julius Zeitler
editorJulius Zeitler
year1909
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
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247. Gentz an Müller

Wien, am 22. Mai 1803.

Ich kann Ihnen nicht bergen, liebster Freund, daß ich mir seit einiger Zeit Vorwürfe mache, Sie nicht in Wien festgehalten zu haben; und wäre nicht meine Überzeugung von dem Unrecht, das ich Ihren dortigen Freunden dadurch zugefügt haben würde, gar zu lebhaft, so verziehe ich es mir nicht. Es ist mir jetzt vollständig klar, daß Sie doch eigentlich der einzige Mensch sind, dessen Umgang mir schlechterdings notwendig ist; und seitdem ich die Süßigkeit desselben wieder recht gekostet hatte, fühle ich mich einsamer, als ich Ihnen zu schreiben vermag. Fast möchte ich mir Glück wünschen, daß Sie in den ersten Zeiten Ihres Hierseyns so störrisch und widerhaarig gegen mich waren; denn hätten Sie gleich so mit mir gelebt, wie in den letzten drei Wochen, so würde ich die Wunde, die Ihre Abreise mir geschlagen hat, jetzt wahrscheinlich noch lebhafter fühlen. Auch scheint es mir, wenn ich die Sache bloß raisonnierend betrachte, nicht bloß weise, sondern unumgänglich, daß wir beide nicht mehr lang getrennt bleiben. Ihnen ist offenbar Niemand so nützlich, und so eigentlich notwendig als ich; denn das Wenige, das Ihnen fehlt, finden Sie alles in mir concentrirt. Mir kann von allen jetzt lebenden Menschen (denn im Grunde ist es doch jetzt wohl so gut, als hätte ich sie alle geprüft) keiner so zusagen, als Sie. Denn die wenigen Reinen, die ich außer Ihnen noch finde, sind für mich nicht genialisch genug, und die übrigen Genialischen sind alle unrein. Sie allein vereinigen alles in sich, und in Ihnen wohnt nun überdieß diese ewig erweckende Kraft, die bei meiner zunehmenden Steifigkeit, Erkaltung und Blasirtheit allein im Stande ist, mir eine immerwährende Jugend anzuwehen. Hiezu nun die unendliche Sicherheit Ihrer Anhänglichkeit und Ihrer Treue gegen mich, und das ganz unbedingte Vertrauen, welches ich zu Ihnen, und zu keinem andern mehr fühle. Ich bin selbst innig überzeugt, daß wir, um etwas Gutes zu wirken, mit einander leben müssen. Sie allein sind, bei aller Ihrer eigenthümlichen Größe, den äußern Schwierigkeiten dieses harten Zeitalters nicht gewachsen; und ich muß schlechterdings etwas haben, was mich unaufhörlich über das Zeitalter erhebt, wenn ich nicht endlich sinken soll. Erwägen Sie die Sache ernsthaft. Es kömmt hier nicht auf einen augenblicklichen Entschluß, nicht auf Tage und Monate an, ob mir gleich auch diese sehr zählen; aber es gilt einen Plan für die Zukunft, wenigstens für einen beträchtlichen Theil unseres beiderseitigen Lebenslaufes. Sie wissen wohl, daß die äußeren Umstände bei der Ausführung desselben nicht sehr in Betracht kommen würden, und wie gern ich sie alle übernähme, ohne doch je Ihre Unabhängigkeit angreifen zu wollen. Aber ob Sie dort nicht unauflösliche Bande geknüpft haben – das ist die große und schwierige Frage. Versprechen Sie mir nur in jedem Falle, sich für den Herbst wieder auf einige Monate los zu machen. Ueberrumpeln will ich Sie nicht; aber zweckmäßiger und wirksamer würde doch über einen Plan dieser Art in mündlichen Unterhandlungen traktirt werden. Schreiben Sie mir recht bald Ihre vorläufige Meinung von der Sache und denken Sie dabei nur immer, daß sie mich im höchsten Grade interessirt.

– – – Adieu, Ich bitte Sie inständigst, mir ohne den geringsten Verzug zu antworten. Ich schreibe Ihnen gleich wieder und so oft als möglich.

G.

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