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Deutsche Freundesbriefe aus sechs Jahrhunderten

Verschiedene Autoren: Deutsche Freundesbriefe aus sechs Jahrhunderten - Kapitel 243
Quellenangabe
typeletter
authorJulius Zeitler
titleDeutsche Freundesbriefe aus sechs Jahrhunderten
publisherVerlag Julius Zeitler
editorJulius Zeitler
year1909
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
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241. Hoffmann an Hippel

Königsberg den 22. September 1795.

Lieber, einziger, theuerster Freund!

Eine Unterhaltung mit dir, wenn sie auch nur schriftlich seyn kann, wird mich gewiß heitrer stimmen. – Noch nie, noch nie habe ich deinen Verlust lebhafter gefühlt, als in den heutigen Abendstunden. Die Wunden, welche schon fast ganz geheilt waren, sind durch neue Vorfälle wieder aufgerissen – und ich zweifle nicht länger an ihrer Unheilbarkeit. – Dir, dir allein kann ich's nur sagen, was ich empfinde, – – – Als ich die Nachricht bekam, daß alles wieder bei'm alten wäre, daß alle Scenen erneuert würden, griff ich mechanisch nach Hut und Stock; als ich mich einigermaßen besann, stand ich am Rollberge, und hatte den Drücker an der Thüre deiner vormaligen Wohnung in der Hand. – Vergebens würde ich dir meine Empfindung schildern – eine helle Thräne stand in meinem Auge – das will bei mir viel sagen! – Ich fühlte eine schreckliche Leere in meinem Herzen. – Keiner – keiner, dem ich's klagen könnte! Was wir uns waren – ich bin stolz darauf, es frei sagen zu können – du findest mich auch nicht zum zweitenmal. – Von dir find' ich keinen Schatten. – Ich kann das nun schon für den Tod nicht leiden, die Bekanntschaften – wenn man sie Freundschaft nennt. – Eine gewisse Person war so stockfischmäßig dumm, mir mit dem plumpesten Anstande zu sagen: ja freilich, er ist fort, du wirst dir einen andern Freund zulegen müssen. – Wer diese Person war, wirst du an dem Gemälde leicht erkennen. – Mein Schicksal ist traurig; eben in dem Zeitpunkt, wo ich den ganzen Umfang des Glücks fühle, das ich genießen könnte – gerade dann stehe ich in Gefahr, es auf immer zu verlieren. – Ich müßte verzweifeln ohne mein Pianoforte – dieß schafft mir, mitten in dem Sturm von tausend quälenden Gefühlen, noch Trost. – Es ist, als umschwebte mich ein friedlicher, tröstender Genius, wenn ich zuletzt, halb berauscht von den ungebundenen, nie wiederkehrenden Gängen meiner Phantasie, mich ganz in mir selbst verliere. Da habe ich jetzt den J. – ich bin ihm sehr gut, ein anderer Geist scheint ihn zu beleben, wenn er die Violine nimmt, – aber übrigens – nein, so etwas ist einzig, wir hätten uns nie trennen sollen.– – – – Und nun! Laß mich hier ein Gleichniß von meiner lieben Musik borgen. – Denke dir eine Symphonie, gespielt von den größten Virtuosen, auf den vollkommensten Instrumenten, denke dir die schmelzendste Stelle eines Adagio, pianissimo ausgeführt – deine Empfindung ist aufs äußerste gespannt – und nun kommt ein elender Mensch, und schrafft auf einer Bierfiedel ein Stück eines erbärmlichen Gassenhauers – sage, würde nicht dein Innerstes sich empören? – Du siehst dich herausgerissen auf die empfindlichste Art, aus der süßen, wonnevollen Betäubung, worin dich das sanfte Adagio wiegte – dein Zorn – dein reizbares Temperament würde alles Sanfte in deiner Seele ersticken – du würdest auf den Fiedler zufahren, und in der größten Hitze sein Instrument zerschlagen – aber würde das alles helfen? – Die Spieler sind aus dem Tacte gekommen – die Augenblicke des warmen Gefühls, das nur allein die Seele des schönen Vortrags ist, sind vorübergeflogen – und alles – die zusammengeworfenen Noten – die verstimmten Instrumente – alles sagt es dir: es ist vorbei – es war. – Da hast du das ganze Verhältniß – da hast du den Urgrund meines Kummers – das Bild meiner schlaflosen Nächte – meiner blassen Wangen! – Wo ist die Irrialität, die meinem Geiste eigen ist! – Sage, Freund – ist das Schicksal, oder liegt es in Umständen, die doch subjektiv sind, daß ich nur gleichsam Erholungen habe, um desto empfindlicher wieder gequält zu werden! – Es ist, als ob sich alles vereinigte, mir meine Tage jetzt abscheulich zu machen; – schon geht es in die zehnte Woche, daß ich examinirt bin, und noch ist nichts von Berlin zurück, noch bin ich nicht vereidigt. Mein geschäftloses Leben ist mir im höchsten Grade zur Last. Werde ich nur erst arbeiten – ich will so viel – meine Kräfte setze ich zu – wenn es mir gelänge, was ich will, so würden Manche das ungewöhnlich nennen; davon sprechen mag ich gar nicht, weil man mir ins Gesicht lacht. – Ueberhaupt weiß Gott, welches Ungefähr, oder vielmehr, welch eine sonderbare Laune des Schicksals, mich in dies Haus hier versetzte! Schwarz und weiß kann unmöglich entgegengesetzter seyn, als ich und meine Familie. – Gott, was sind das für Menschen! Freilich gestehe ich ein – daß Manches an mir zuweilen so ziemlich excentrisch ausfällt – aber auch nicht die geringste Nachsicht – der dicke Sir für meinen Spott zu abgenutzt, für meine Verachtung zu erbärmlich, fängt an, mich mit einer Indignation zu behandeln, die ich wahrlich nicht verdiene.

Ewig werde ich an den einen Gang aus Arnau mit dir denken. Du weißt, wie mein volles Herz da überfloß – wie ich dir da so alles klagte, was an meiner Brust nagte – ach! das alles hat sich nicht geändert – über das alles seufze ich noch. – Was mich aber über alles trösten kann, was alles Leiden, allen Kummer in Vergessenheit begraben, was die tiefsten Wunden, die ein feindliches Schicksal meinem Herzen schlug, heilen kann, das ist die Wiedervereinigung mit dir. – Wenn das, was mich hier so gefesselt, was den höchsten Lebensgenuß mir giebt, wenn ich das verlieren sollte, dann fliehe ich zu dir – ich überwinde alle Hindernisse! – denn Muth habe ich, und den verliere ich auch nie – ich lebe in der größten Eingezogenheit – ich wohne, wenn es möglich ist, dicht bei dir, oder doch wenigstens in einem Hause mit dir – ich arbeite so viel als ich nur kann. – Ein paar Abendstunden mit dir zugebracht, ist meine Erholung – glaube mir, lieber, einziger Freund, dieser süße Traum beruhigt mich – er macht mich zufriedener mit mir selbst und mit den Gegenständen um mich. Und sollte denn die Erfüllung unmöglich seyn? – Nein, wahrlich nein! dawider empört sich meine ganze Seele. – Wenn ich alles verlieren sollte, so bin ich doch noch sehr reich, ich habe ein köstliches Kleinod aus dem Schiffbruch gerettet, und das ist deine Freundschaft ... Verzeih es, lieber Freund, – wenn meinem Briefe hie und da Zusammenhang fehlt, ich mag ihn nicht wieder durchlesen. – Erst künftigen Donnerstag kann dieser Brief abgehen – bis dahin spreche ich noch zwei, dreimal mit dir! ...

Gute Nacht, mein Lieber!

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