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Deutsche Freundesbriefe aus sechs Jahrhunderten

Verschiedene Autoren: Deutsche Freundesbriefe aus sechs Jahrhunderten - Kapitel 242
Quellenangabe
typeletter
authorJulius Zeitler
titleDeutsche Freundesbriefe aus sechs Jahrhunderten
publisherVerlag Julius Zeitler
editorJulius Zeitler
year1909
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20140417
projectid5cbef5e6
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240. Hoffmann an Hippel

Sonnabend den 29. Februar 1795. Abends.

Dein lieber Brief hat meine Stimmung sehr geändert. – Lieber, einzig theurer Freund! – ich bedaure dich, ich fühle tief in meinem Herzen dein Unglück. – Innig vertraut mit manchen geheimen Motiven deines Schmerzes empfinde ich alles mit dir. – Du bist mir viel, – mehr als alles Uebrige in der Welt. Wärmer noch schlägt mein Herz für deine Freundschaft, als für jene so unglückliche Liebe, denn unglücklich ist sie auch auf alle Fälle. Ich las deine warmen Versicherungen deiner Freundschaft, – in innige Wehmuth zerfloß mein Herz, und ich versank, den Brief in der Hand, in eine stille, schwärmerische Verzückung, – ich liebe dich, – ich bete dich an, – du bist der Einzige, der die innern Regungen meines Herzens versteht, – dessen ganze Seele sich so sanft der meinigen anschmiegt. Ach wie unauslöschbar in meinem Gedächtniß und in meinem Herzen sind jene Abende eingeprägt, die ein wohlthätiges Licht über meinen ganzen Charakter verbreiteten! – Mit dir ziehe ich gern in eine Einöde, – ich verlange dann Keinen mehr zu sehen. Keinen zu hören, als dich. Verscheuche doch deine trüben Vorstellungen immerwährenden Unglücks, und könnt' ich sie verscheuchen, das wäre mehr, als die feurigsten Wünsche erflehen können, – ach wie gern eilt' ich zu dir, – bald, – und verlebte die paar Wochen mit dir noch ungestört und glücklich, – das wäre ein heiterer Sonnenblick nach vielen trüben Tagen. Meine t. werde ich vermuthlich gar nicht mehr, oder doch zum wenigsten so bald nicht sprechen. – – Freund, – innig Geliebter, – ich sag's dir feierlich und ernst, – Gern opfere ich die Geliebte und alles, wenn ich mir dich erhalten könnte, – wie gern folgt' ich dir nach M! – Pläne durchkreuzen meine Seele, neue Vorsätze und Entschließungen brüten in meinem Gehirn. – Für dich möcht' ich, mit froher Miene, mein ganzes scheinbares Glück aufopfern, um dir unwandelbar zugesellt, des einzigen, für mich wahrhaften Glückes zu genießen. – –

Freund, welche Seligkeit liegt in dem Gedanken, mit dir vereint, allen, gewiß infamen Verhältnissen auf ewig entsagen zu können, und du glaubst einen Augenblick, sie könne mich zurückhalten, dir zu folgen? O wie so unwürdig meiner innigen Freundschaft gegen dich wäre dieß! – Nein, selbst bei der glücklichsten, ungestörtesten Ruhe hätte sie mich nie zurückgehalten! – Du siehst, lieber Freund, daß auch ich meine besondere Art Unglück habe, und daß meine Lage nicht beneidenswerth ist. – Wir werden durch alles mögliche verbunden, – wir sind Unglücksbrüder, – du wirst einen mächtigen Unterschied zwischen unserm Unglücke finden; aber glaube mir, am Ende kommt alles auf eins heraus.

... Schlaf wohl, lieber, einzig theurer Freund, – süße Träume, reizende Bilder einer frohen Zukunft mögen dich umgaukeln, – geisterartig walle bei dir vorüber der Genius deiner dir Lieben! – Fühlst du ein sanftes Säuseln der Lüfte, ein leises Hin- und Herwehen, ein Flüstern gleich dem murmelnden Geräusch eines fernen Baches, so ist's mein Genius, der dich umschwebt, – denn alle Nächte bin ich bei dir, – dich und sie, öfters noch dich allein, seh', hör' und fühl' ich in langen Träumen. Schlaf wohl!

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