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Deutsche Freundesbriefe aus sechs Jahrhunderten

Verschiedene Autoren: Deutsche Freundesbriefe aus sechs Jahrhunderten - Kapitel 237
Quellenangabe
typeletter
authorJulius Zeitler
titleDeutsche Freundesbriefe aus sechs Jahrhunderten
publisherVerlag Julius Zeitler
editorJulius Zeitler
year1909
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20140417
projectid5cbef5e6
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235. Brentano an Arnim

(September 1802).

Heute, lieber Arnim, erhalte ich Deinen liebevollen Brief, der mich sehr gerührt hat. Wenn mich die Mereau umarmte, mußte ich heftig weinen, denn ich ahndete wohl, sie werde mich von sich stoßen. Ich kann aber nur dann wieder aufleben, wenn ich alle meine Bewegungen um ein neues Leben herumlege, das mich nicht wieder von sich stößt, das ich ungestört und in der Nähe lieben darf, das zu mir herabsieht wie zu einem ewigen Kind, und zu dem ich hinaufsehe wie zu einem ewigen Vater. Ich habe auf Erden keinen Menschen gekannt, der mir das sein könnte, außer Dich. Hier ist keine Untersuchung erlaubt, und Du selbst kannst mir alles sagen, ich werde Dir glauben. In einem Jahre bin ich ganz mein eigner Herr, und dann bist Du nicht mehr sicher vor mir. Eine Minute meines Lebens verfluche ich: es ist die an der fliegenden Brücke zu Coblenz, als ich Dich verließ. Ach, ich wäre sicher mit Dir in die Schweiz und nach Mailand gegangen! waren wir nicht recht glücklich am Rhein? Sei nicht stolz auf Deine Alpen, wenn Du dies liest; ich war nie so glücklich als mit Dir im kleinen Nachen, o wäre ich doch nicht von Dir gegangen! Jeder Ort kommt mir vor wie eine Festung, in der ich frei spazieren darf, wenn Du nicht da bist. Einzelne Deiner Gedichte gefallen mir wieder unendlich wohl. Es rührt mich in Deinen Gedichten besonders die reizende Ungeschlachtheit, aus der eine kräftige Zukunft hervorblickt. Lieber Arnim, bleibe mein Freund! Heute bin ich vierundzwanzig Jahre alt geworden, in meinem Herzen ist viel Schwermuth und Liebe, sei mir gut. Schöner konnte mich nichts beschenken als Dein Brief, o schreibe mir bald wieder ... Ich habe Dich lieben lernen, da ich Dir wie ein Bänkelsänger meine eignen Geschichten absang; da hast Du wohl gemerkt, daß es meine Geschichte war und mich lieb gewonnen ... Wenn ich Dir mehr schreiben sollte, müßte ich wieder von meiner Liebe zu Dir anfangen, und das weißt Du schon ... Schreibe mir doch noch einmal, ehe Du die Schweiz verläßt, und besonders, ob Du auch begreifen kannst, daß ich Dich so liebe und daß es meine einzige Bestimmung ist, mit Dir zu leben.

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