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Deutsche Freundesbriefe aus sechs Jahrhunderten

Verschiedene Autoren: Deutsche Freundesbriefe aus sechs Jahrhunderten - Kapitel 236
Quellenangabe
typeletter
authorJulius Zeitler
titleDeutsche Freundesbriefe aus sechs Jahrhunderten
publisherVerlag Julius Zeitler
editorJulius Zeitler
year1909
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20140417
projectid5cbef5e6
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234. Brentano an Arnim

(Mai 1802).

Heute habe ich Deinen Maivollen Brief vom 4.ten seiner selbst aus München bekommen. Gestern sehnte ich mich unendlich nach Dir und Bettinen, ich habe außer Euch keine Sehnsucht mehr, Ihr seid die Dualität, die mich construirt, und kennt Euch nicht. Wie ich mit poetischer Gewaltthätigkeit meine Sehnsucht nach Euch in den jubelnden Mai übersetzte, wie ich Euch so in meine Nähe dichten wollte, und dem Bilde meiner lieben göttlichen Bettine, das mich nicht verläßt, bittend in die Augen sah, die mir nichts versagen, erhielt ich einen Brief von ihr. Des Menschen Geist kann so nicht schreiben, das ist Gott, der so spricht – Alles das sollst Du wissen, und das Mädchen soll Dich küssen, wenn Du nach Frankfurt kömmst. In Bettinens Brief steht unter anderem folgendes: »Clemens, weißt Du, wer der Mond ist? er ist der Wiederschein unserer Lieb, und die Sterne sind Wiederschein der übrigen Lieb auf Erden. Aber die Sterne so nah dem Mond – Lieber, was ist diese Liebe, die mir so nahe geht? Unsere Lieb aber ist auserkoren und groß und herrlich vor allen anderen; die Erde aber ist ein großes Bett, und der Himmel eine große, freudenreiche Decke aller Seligkeit. Clemens, was sehnst Du Dich nach mir! wir schlafen in einem Bette.« Ach Arnim, Arnim, wie gütig ist Gott, der Dir meinen Reichthum, seinen Reichthum, dieses Ebenbild seiner selbst zeigen will; wie gütig ist Gott, daß ich Dir mit der Anschauung und Freundschaft dieses Engels danken und lohnen können werde. Ich habe ohne Wasser und Thränen und ohne Geselle, dürstend, traurend und einsam an Felsen, in heißen Steppen gestanden, und hatte mich ergeben und reichte die welke Hand nach einem Tannenzweig, mir selbst eine immergrüne, schattenlose, stechende Krone aufzudrücken, und konnte ihn nicht erringen. Wie ich so stritt nach dem Dornenlorbeer, thaute der Abend nieder, und Purpur schlug sein Bett auf und buhlte mit der Sonnengluth, bis sie sich kühlender Luft löste. In diesem Abendrothe ist mir Bettine geworden! Aber auch im Felsen hörte ich kühles Leben rieseln und freute mich der Nähe des Elementes, ohne Anspruch, es zu besitzen. Ich habe Dich schon herzlich in Göttingen geliebt, Arnim, wahrhaftig, ich habe nie Freundschaft von Dir begehrt, habe auch nie gewünscht, Du mögest dieses oder jenes sein oder thun, weil dieses oder jenes mir lieb und nütz sei. Und als es stille im Felsen ward, und Du nicht kamst, war ich nicht traurig, ich war nicht traurig, da Du von Göttingen gingst – so hat mir Gott gelohnt für meine Tapferkeit. Schon ist die Sonnengluth bekämpft, die ewge Liebe hat den kühlen befruchtenden Mantel mit nächtlicher Feier über mich geworfen, ich brauche keinen Menschen mehr: da kehrt der junge Tag zurück, ich grüne selbst und blühe, mich mir gesellend, da brichst Du aus dem Felsen zu mir her, Du Freudenstrahl, Du klingend Wasser, und erlabst mich, von selbst bist Du mir gut. Ich kann Dich nicht verlieren, so lange ich lebe! – – Ach ach im Mai und im Achim und in Bettinen, und in mir wollen wir uns wiedersehen. Ich laufe nach Frankfurt; wenn Du aber den 1. Juni nicht da bist, so sterbe ich und Bettine vor Begierde, und da geh hübsch mit zur Leiche und weine um Deine Seligkeit, denn die fressen wir Dir im Himmel zur Strafe zum Voraus weg.

Dein Clemens.

*

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