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Deutsche Freundesbriefe aus sechs Jahrhunderten

Verschiedene Autoren: Deutsche Freundesbriefe aus sechs Jahrhunderten - Kapitel 230
Quellenangabe
typeletter
authorJulius Zeitler
titleDeutsche Freundesbriefe aus sechs Jahrhunderten
publisherVerlag Julius Zeitler
editorJulius Zeitler
year1909
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20140417
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228. Jean Paul an Otto

Weimar, den 13. März 1799.

Mein guter lieber Otto! Ich wolte, ich hätte meinen wilden Brief noch im – Kopfe. Dich anlangend, so ist in meiner ganzen Seele nicht ein Gedanke, in meinem Herzen kein Blutstropfen, der nicht mit deinetwegen warm wäre. Ich bitte dich, lasse von deiner dir zu gewöhnlichen Zeichendeuterei ab, die nie bei mir eintrift. Und weist du nicht, daß ich dir alles geradezu, auf einmal sage? Ich gebe dir, aber nicht du mir moralische wenn auch nicht freundschaftliche Blösen. Aber unsere Freundschaft hat hoff ich einen Boden, dem Erdstöße nichts thun. Es schmerzet mich, Bruder, daß meine Unbesonnenheit dich so verwundet hat. – Auch die Hiobsklage über das Leben ist nur leider mit meinen biographischen Farbenkleksen hingeworfen. Du irrest dich über meine Gegenwart, die eben und hell ist; ich klagte vielmehr über die zertretene Vergangenheit; der Gedanke des Kriegs, meines Bruders, der jezigen Frechheit trat noch dazu. Begegnet ist mir gar nichts jezt als ein zu gutes Leben. – Hätt' ich nur eine Frau: so fragt' ich nach dem Essen, nach dem Gelde und nach 100 andern Dingen etwas. – Das übrige mündlich! In dich schneidet leider jeder Spinnenfaden zu tief ein; ich habe einen Kallus und bleibe sogar heiter, hätt' ich jene seltene Brief-Minute den ganzen Tag. –

Du wirst jetzt die 2 Blätter von der Kalb empfangen haben. – Fährst du der Titanide entgegen: so schlag ihr die deiner Briefe ab, die ich ihr verweigert und die sie eben betreffen; ich hab ihr erzählt, daß die dir das Meiste erzählt. – Mit der Corday warte bis ich komme; Gentz mus mir die nöthigen Bücher aufschreiben und der Verleger senden.

Durch die Kalb bring' ich meinen Bruder vielleicht als Sekretair unter bei Seckendorf in Anspach oder in München.

Den 14. März.

Eben jezt um 10 Uhr fälts mir ein nach Gotha zu gehen; ich hätt' dir mehr geschrieben. Ich bleibe wenige Tage aus. Dann ist meine erste Reise nach Hof. Die Titanide lässet die Ehescheidung wieder fahren.

Leb wohl, mein guter, dein Brief hat mich beschämt. Glaub immer an mich und dich! Du weißt noch immer nicht wie ich dich liebe.

R.

Morgen geht dieser Brief ab.

*

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