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Deutsche Freundesbriefe aus sechs Jahrhunderten

Verschiedene Autoren: Deutsche Freundesbriefe aus sechs Jahrhunderten - Kapitel 229
Quellenangabe
typeletter
authorJulius Zeitler
titleDeutsche Freundesbriefe aus sechs Jahrhunderten
publisherVerlag Julius Zeitler
editorJulius Zeitler
year1909
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20140417
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227. Jean Paul an Otto

Weimar, den 27. Jenner 1799.

Mein geliebter Otto! Dein 3 Tage nach dem Datum anlangender Doppelbrief an 2 Brüder war der schönsten Seele vol, für mich frische noch bethauete Blumenblätter aus Eden.

Aber beantworten wil ich ihn unten; ich vergesse sonst meine Zeitungsartikel. Du wirst nicht eher ein Autor als bis ichs so mache: Du samlest deine 3fachen horas, poetische, satirische, und historische Stücke oder Anfänge, ich schaffe den Verleger und eine Vorrede von mir dazu. Diese soll als der Kammerdiener voranlaufen und die Flügelthüren aufmachen. Dein Stolz kan nicht mehr dagegen einwenden als meiner gegen einen Kommerzienraths Titel – und doch kauf ich mir noch einen, wenn man mir keinen schenkt. Der Titel sol nicht meine Verdienste repräsentieren, sondern präsentieren. – Im Frühling fäh ich bei dir dein Werk mit Brille und Mikroskop durch u. s. f. – Sei vernünftig!

Lies Adele de Senange und den diable amoureux; zumal jene herliche.

Ich hatte seit 3 Tagen – gerade nach dem Ende meines Buchs, wo ich meinen Tod beschrieb – troz der Muskulargesundheit starken Nervenschwindel, [aber] habe mich geheilt. Es kam vom Wetterglas – Arbeiten – Weintrinken und Disputieren abends. Noch in keinem Jahre strit und trank ich so viel; mit Schiller neulich bis um 12 Uhr Nachts; und mit ihm und Göthe bei der Kalb. Ich bin jezt kecker als je, blos durch das Errathen des fremden Haltens von mir, nicht durch mein eignes. Göthen sagt ich etwas über das hiesige Tragische: worüber er empfindlich ¼ Stunde den Teller drehte (ich hatte Champagner und einen Vulkan im Kopf). Wie Wieland – der wieder da war und dessen Gegenwart mich durch das Simultaneum der Einladung alzeit aufzehrt – sagte, so wärs recht, und ich ge[wänne] ihn dadurch – wir [würden] noch die besten Freunde [werden; er] hat mit Respekt von [mir] gesprochen. Als ich [zu] einem Diner bei Göthe geladen mar, Schiller zu Ehren, nebst Herder und andern, der ihm aber nicht ein Ölblat, geschweige einen Ölzweig des Friedens, den Göthe gern schlösse, reichte – wurd' ich und Herder zu Göthe's Einfassung gemacht, ich der linke Rahmen und er der rechte; hier sagte mir Göthe, der nur almählig warm werden wil – so ist er gegen Schiller so kalt wie gegen jeden –: »er habe seinen Werther 10 Jahre nach dessen Schöpfung nicht gelesen; und so alles: wer wird sich gern eines vorübergegangenen Affekts, des Zorns, der Liebe u. s. w. erinnern?« Und so ekelt Herder auch vor seinen Werken. So etwas solte [den] Selbst-Gözendienern von Litteratoren und Rektoren gesagt werden, damit sie, wenn solche Männer demüthig sind, wenigstens – nichts wären. Ich schämte mich vor ihnen, nicht so zu sein, sagte ihnen aber auch, daß mir meine Sachen zwar sogleich nach dem Abdruk ungemein gefielen – ich kennte keine bessere Lektüre –, aber auch vor demselben desto schlechter, weil ich da das Ideal noch nicht vergessen hätte.

Wie sehr meine Weltkenntnisse und Einsichten in Weimar zunehmen ist nicht zu sagen, aber zu beweisen durch Thaten ( opera).

Schiller – der ganz den Sprachton Wernleins und in der Ferne sogar dessen Physiognomie hat, die nur in der Nähe wieder sich wie beide unterscheidet – nähert sich sehr der Titanide und sagte schon 3mal zu ihr: wir müssen mit einander nach Paris (Hier ist alles revoluzionair-kühn und Gattinnen gelten nichts. Wieland nimt im Frühling, um aufzuleben, seine erste Geliebte, die La Roche ins Haus und die Titanide stelte seiner Frau den Nuzen vor.) Schiller achtet unendlich den fürchterlichen Retif de la Bretonne, wovon du etwas gelesen und der das höllisch- und himmlisch-geschriebene Buch le coeur humain devoilé gemacht; und wil ihn zu sehn hin. Humbold aus Paris schrieb ihm, dieser Gott-Teufel sehe wie – ich; und Sch[iller], der mich ganz gelesen, findet unter uns nur den Unterschied der Erziehung; und darum sucht und liebt er mich jezt. Ich habe alles von der Titanide. Indessen merk' ich von jenem Suchen nichts.

Ach du erfährst überal nur 1/13 weil keine Zeit da ist. Aber im Lenz! – Frühling sag ich ungern, weil das Wort mehr Zeit wegnimt.

So viel ist gewiß, eine geistigere und größere Revoluzion als die politische, und nur eben so mörderisch wie diese, schlägt im Herz der Welt. Daher ist das Amt eines Schriftstellers, der ein anderes Herz hat, jezt so nötig und braucht so viel Behutsamkeit. Ich nehme in meine Brust keine Veränderungen auf, aber desto mehr in mein Gehirn; nur dieses hat in Weimar Irthümer abzulegen.

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