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Deutsche Freundesbriefe aus sechs Jahrhunderten

Verschiedene Autoren: Deutsche Freundesbriefe aus sechs Jahrhunderten - Kapitel 228
Quellenangabe
typeletter
authorJulius Zeitler
titleDeutsche Freundesbriefe aus sechs Jahrhunderten
publisherVerlag Julius Zeitler
editorJulius Zeitler
year1909
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
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226. Jean Paul an Christian Otto

Hof, den 27. Okt. 97.

Gestern sagt' ich mir es noch nicht, daß ich dich heute nicht mehr sehen wil, weil ich deinen Anblik mit einem solchen Gedanken nicht ertragen könte. Vergebt mir alle meine schweigende Flucht, die ich mir und vielleicht nicht mir allein schuldig war. Ach der Körper erträgt weniger als die Seele – Hier versüße dir mit der Dichtkunst – ich wolte dir das Buch'erst an deinem Geburtstag geben – den Gedanken des Sontags und das regenbogenfarbige Band sei das Zeichen des ewigen Bundes wie das Zeichen der schönern Zukunft.

Hier ist das Geld für die Leinwand, Briefe an mich werden an dich kommen; brich sie vorher auf wie einem, der im Gefängnis ist. Sorge daß mein Nachlas Sontags oder Montags fortkomt. Es klingt mir alles wie ein Testament. Mein Abschied war wie meine Trauer über meine Mutter, ein Vierteljahr vor ihrer und meiner Abreise. In Gera bleib ich einige Tage. Morgen abends geh ich nach Zedwiz und bleibe beim Kammerdiener über Nacht und sehe ganz allein die stummen Stoppelfelder der eingeernteten und vergangenen Freuden an.

Eben verlangtest du mich auf Abend. Gott gebe, daß ich mein Inneres mit Spas ersticke und die Qualen der Phantasie bezähme. – An Emanuel schreib den Ort meines Aufenthaltes. Nim der armen Caroline etwas von ihrer dunkeln Einsamkeit.

Mein letztes Wort an dich ist noch: sei muthig, strebe gegen kränkliche Phantasien mänlich an und trete, [darüber: wie ich] immer muthiger und weiter ins thätige Leben hinein, damit deine Kraft noch mehr andern und dadurch dir nüze. Und so mit diesem Wunsche, mit diesen Hofnungen, mein Unvergeslicher mein ewig Geliebter, schließe sich für mich meine Jugendzeit und wir wollen von einander gehen und schweigen. Edler und würdiger ist unser künftiges Beisammenleben in Briefen und in den Tagen der Herrichen Wiedererblickung als das bisherige getrente und schlaffe. – Wenn der Mensch eine Ewigkeit in seinem Herzen tragen kan: so sag ich: du bleibst in meinem und ewig. Und das sage auch deiner geliebten Schwester und deinem geliebten Bruder: ich wil euch 3 nicht in der Welt suchen, denn ich find euch nicht.

Und so lasse mich ziehen von deinem Herzen und von meinen Freuden und von meiner Jugend.

Richter.

Sonabends um 1 Uhr. Ich habe doch deine von Liebe und Wehmuth verherlichte Gestalt noch einmal gesehen. Ewigen Dank. Jezt bricht mir das Herz.

*

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