Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Verschiedene Autoren >

Deutsche Freundesbriefe aus sechs Jahrhunderten

Verschiedene Autoren: Deutsche Freundesbriefe aus sechs Jahrhunderten - Kapitel 227
Quellenangabe
typeletter
authorJulius Zeitler
titleDeutsche Freundesbriefe aus sechs Jahrhunderten
publisherVerlag Julius Zeitler
editorJulius Zeitler
year1909
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20140417
projectid5cbef5e6
Schließen

Navigation:

225. Kleist an Otto August Rühle v. Lilienstern

[Königsberg, Dezember 1805.]

Mein lieber, trefflicher Rühle. Ich drücke dich von ganzem Herzen an meine Brust. Du hast mir mit deinem letzten Briefe, den du mir unverdient (weil ich dir auf den vorletzten nicht geantwortet) geschrieben eine recht innige Freude gemacht. Warum können wir nicht immer bei einander sein? Was ist das für ein seltsamer Zustand, sich immer an eine Brust hinsehnen, und doch keinen Fuß rühren, um daran niederzusinken. Ich wollte, ich wäre eine Säure oder ein Alkali, so hätt' es doch ein Ende, wenn man aus dem Salze geschieden wäre. Du bist mir noch immer so Werth als nur irgend etwas in der Welt, und solche Zuschriften, wie die deinige, sie wecken dies Gefühl so lebhaft als ob es neugebohren würde; aber eine immer wiederkehrende Empfindung sagt mir, daß diese Brief-Freundschafft für uns nicht ist, und nur in so fern, als du auch etwas von der Sehnsucht fühlst, die ich nach dir, d. h. nach der innigen Ergreifung deiner mit allen Sinnen, inneren und äußeren, spüre, kann ich mich von deinen Schriftzügen, schwarz auf weiß, in leiser Umschlingung ein wenig berührt fühlen. Wie sehr hat mich die Nachricht erfreut, die du mir von unserm Freunde Pfuël giebst, die Nachricht, daß das Corps, bei welchem er steht, vor die Stadt rückt, in welcher zugleich der Feind und sein Mädchen wohnt! Er ist nicht das erste, ruhmlechzende Herz, das in ein stummes Grab gesunken ist; aber wenn der Zufall die ersten Kugeln gut lenkt, so sieht er mir wohl so aus, (und seine Lage fordert ihn ziemlich dringend dazu auf) als ob er die ertränkte Ehre, wie Shakespear sagt, bei den Locken heraufziehen würde. Dir, mein trefflicher Rühle, hängt sie noch an den Sternen; und du wirst den Moment nicht versäumen, sie mit einem dreisten Griff herunter zu reißen, schlüge dich ihr prächtig-schmetternder Fall auch zu Boden. Denn so wie die Dinge stehn, kann man kaum auf viel mehr rechnen, als auf einen schönen Untergang. Was ist das für eine Maasregel, den Krieg mit einem Winterquartier und der langmüthigen Einschließung einer Festung anzufangen! Bist du nicht mit mir überzeugt, daß die Franzosen uns angreifen werden, in diesem Winter noch angreifen werden, wenn wir noch vier Wochen fortfahren, mit den Waffen in der Hand drohend an der Pforte ihres Rückzuges aus Östreich zu stehen. Wie kann man außerordentlichen Kräften mit einer so gemeinen und alltäglichen Reaction begegnen? Warum hat der König nicht gleich, bei Gelegenheit des Durchbruchs der Franzosen durch das Fränkische, seine Stände zusammenberufen, warum ihnen nicht, in einer rührenden Rede (der bloße Schmerz hätte ihn rührend gemacht) seine Lage eröffnet. Wenn er es bloß ihrem eignen Ehrgefühl anheim gestellt hätte, ob sie von einem gemißhandelten Könige regiert sein wollen, oder nicht, würde sich nicht etwas von Nationalgeist bei ihnen geregt haben. Und wenn sich diese Regung gezeigt hätte, wäre dies nicht die Gelegenheit gewesen, ihnen zu erklären, daß es hier gar nicht auf einen gemeinen Krieg ankomme. Es gelte Sein, oder Nichtsein; und wenn er seine Armee nicht um 300 000 Mann vermehren könne, so bliebe ihm nichts übrig, als bloß ehrenvoll zu sterben. Meinst du nicht, daß eine solche Erschaffung hätte zu Stande kommen können? Wenn er alle seine goldnen und silbernen Geschirre hätte prägen lassen, seine Kammerherrn und seine Pferde abgeschafft hätte, seine ganze Familie ihm darin gefolgt wäre, und er, nach diesem Beispiel, gefragt hätte, was die Nation zu thun willends sei. Ich weiß nicht, wie gut oder schlecht es ihm jetzt von seinen silbernen Tellern schmecken mag; aber dem Kaiser in Ollmütz, bin ich gewiß, schmeckt es schlecht. – Ja, mein guter Rühle, was ist dabei zu thun. Die Zeit scheint eine neue Ordnung der Dinge herbeiführen zu wollen, und wir werden davon nichts, als bloß den Umsturz des alten erleben. Es wird sich aus dem ganzen cultivirten Theil von Europa ein einziges, großes System von Reichen bilden, und die Throne mit neuen, von Frankreich abhängigen Fürsten-Dynastien besetzt werden. Aus dem Östreichschen, bin ich gewiß, geht dieser glückgekrönte Abendtheurer, falls ihm nur das Glück treu bleibt, nicht wieder heraus, in kurzer Zeit werden wir in Zeitungen lesen: »man spricht von großen Veränderungen in der deutschen Reichs-Verfassung;« und späterhin: »es heißt, daß ein großer, deutscher (südlicher) Fürst an [die] Spitze der Geschäffte treten werde.« Kurz, in Zeit von einem Jahre, ist der Kurfürst von Bayern, König von Deutschland. – Warum sich nur nicht Einer findet, der diesem bösen Geiste der Welt die Kugel durch den Kopf jagt? Ich mögte wissen, was so ein Emigrant zu thun hat. – Für die Kunst, siehst du wohl ein, war vielleicht der Zeitpunkt noch niemals günstig; man hat immer gesagt, daß sie betteln geht; aber jetzt läßt sie die Zeit verhungern. Wo soll die Unbefangenheit des Gemüths herkommen, die schlechthin zu ihrem Genuß nöthig ist, in Augenblicken, wo das Elend jeden, wie Pfuël sagen würde, in den Nacken schlägt. Übrigens versichere ich dich, bei meiner Wahrheit, daß ich auf dich für die Kunst rechne, wenn die Welt einmal wieder, früh oder spät, frei athmet. Schreibe bald wieder, und viel.

H. K.

*

 << Kapitel 226  Kapitel 228 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.