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Deutsche Freundesbriefe aus sechs Jahrhunderten

Verschiedene Autoren: Deutsche Freundesbriefe aus sechs Jahrhunderten - Kapitel 225
Quellenangabe
typeletter
authorJulius Zeitler
titleDeutsche Freundesbriefe aus sechs Jahrhunderten
publisherVerlag Julius Zeitler
editorJulius Zeitler
year1909
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
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223. Heinrich von Kleist an Heinrich Lohse

Liechsthal, d. 23 [ Bern d. 29t] Decmbr., 1801.

Mein lieber Lohse, Du empfängst durch einen Boten diesen eingeschloßnen Schlüssel, den ich nicht, wie ich gestern versprach, selbst nach Basel bringen kann, weil ich mich krankhaft ermattet fühle am Leibe und an der Seele. Sondre Dein Eigenthum von dem meinigen ab, schicke den Schlüssel mir zurück, und bedeute unsre lieben Wirthsleute, daß sie meine beiden Koffer zurückbehalten sollen bis auf weitere Nachricht.

Und weiter hätte ich Dir nichts zu sagen? O doch, noch etwas. Aber sei unbesorgt. Du sollst keine Vorwürfe von mir hören. Ich will Abschied von Dir nehmen auf ewig, und dabei fühle ich mich so friedliebend, so liebreich, wie in der Nähe einer Todesstunde.

Ich bitte um Deine Verzeihung! Ich weiß, daß eine Schuld auch auf meiner Seele haftet, keine häßliche zwar, aber doch eine, diese, daß ich Dein Gutes nicht nach seiner Würde ehrte, weil es nicht das Beßte war. O verzeihe mir! Es ist mein thörigt überspanntes Gemüth, das sich nie an dem, was ist, sondern nur an dem, was nicht ist, erfreuen kann. Sage nicht, daß Gott mir verzeihen solle. Thue Du es, es wird Dir göttlich stehen.

Ich verzeihe Dir Alles, o Alles. Ich weiß jetzt nicht einmal, ja kaum weiß ich noch, was mich gestern so heftig gegen Dich erzürnt hat, und wenn ich mich in diesem öden Zimmer so traurig einsam sehe, so kann ich mir gar nicht Rechenschaft geben, gar nicht deutlich, warum Du nicht bei mir bist?

Und ich sollte Dich nicht lieben? Ach, wie wirst Du jemals einen Menschen überzeugen können, daß ich Dich nicht liebe! – Du hast wohl selten daran gedacht, was ich schon für Dich gethan habe? Und es war doch so viel, so viel, ich hätte für meinen Bruder nicht mehr thun können. Denke nun zuweilen daran zurück, auch an Metz, ich muß Dich nur daran erinnern. Ach es ist nicht möglich, nicht möglich, es muß Dich doch immer rühren, so oft Du daran denkst.

Und doch konntest Du von mir scheiden? So schnell? So leicht –? Ach, Lohse, wenn Caroline Dich einst fragen wird, wie konntest Du so schnell, so leicht von einem Menschen scheiden, der Dir doch so viel Liebes, so viel Gutes that, wie wirst Du Dich getrauen können zu antworten, es sei geschehen, weil er immer recht haben wollte –?

O weg von dem verhaßten Gegenstande. Du fühlst gewiß nicht einmal, was mich daran schmerzt. Ich habe mich in den vergangenen Tagen vergebens bemüht, auch mir diese Empfindlichkeit zu stumpfen. Aber noch die bloße Erinnerung erregt mir die Leidenschaft. – Was suchten wir wohl auf unserm schönen Wege? War es nicht Ruhe vor der Leidenschaft? Warum grade, grade Du –? Es war mir doch Alles in der Welt so gleichgültig, selbst das Höchste so gleichgültig; wie gieng es zu, daß ich mich oft an das Nichtswürdige setze konnte, als gälte es Tod und Leben? Ach, es ist abscheulich, abscheulich, ich fühle mich jetzt wieder so bitter, so feindseelig, so häßlich – und doch hättest Du alle holden Töne aus dem Instrumente locken können, das Du nun bloß zerrissen hast –

Doch das ist geschehen. Ich will kurz sein. Unsere Lebenswege scheiden sich, lebe wohl – Und wir sollten uns nicht wiedersehen? – O wenn Gott diesmal mein krankhaftes Gefühl nicht betrügen wollte, wenn er mich sterben ließe! Denn niemals, niemals hier werde ich glücklich sein, auch nicht wenn Du wiederkehrst – Und Du glaubst, ich würde eine Geliebte finden? Und kann mir nicht einmal einen Freund erwerben? O geht, geht, ihr habt alle keine Herzen–Wenn mir geholfen ist, wie ich es wünsche, so ist es auch Dir. Ich weiß wohl noch etwas, worüber Du Thränen des Entzückens weinen sollst. Dann wird auch Caroline Dir etwas von mir erzählen – O Gott, Caroline! – Wirst Du sie denn auch glücklich machen? – O verschmähe nicht eine Warnung. Es ist die letzte, die pflegt aus reiner Quelle zu kommen. Traue nicht dem Gefühl, das Dir sagt, an Dir sei nichts mehr zu ändern. Vieles solltest Du ändern, manches auch könntest Du. Lerne auch mit dem Zarten umzugehen. – Wenn aber die Lebensreise noch nicht am Ende wäre, dann weiß ich noch nichts Bestimmtes. Bei Heinrich Zschokke wirst Du aber immer erfahren können, wo ich bin. Schreibe mir, in ein Paar Monaten, wo du bist, dann will ich mein Versprechen halten, und Dir die Hälfte von Allem überschicken, was mein ist.

Und nun, was ich noch sagen wollte – es wird mir so schwer das letzte Wort zu schreiben – wir waren uns doch in Paris so gut, o so gut – Bist Du nicht auch unsäglich traurig? Ach, höre, willst Du mich nicht noch einmal umarmen? Nichts, nichts gedacht, frage Dein erstes Gefühl, dem folge – – Und wenn es doch das letzte Wort wäre – O Gott, so sage ich Dir und allen Freuden das Lebewohl Lebewohl Lebewohl.

Heinrich Kleist.

Bern, d. 27t Decmbr.

Also Du bist nicht nach Basel gegangen? Ei der Tausend! Wie man doch die dummen Leute anführen kann! Denn ich habe Dich wirklich überall voll Betrübniß gesucht, und die ganze Scene von Metz wiederholt – Also Du bist frisch und gesund in Bern? Nun, das freut mich, freut mich doch – Aber Gott weiß, ich habe jetzt einen innerlichen Widerwillen vor Dir und könnte Dich niemals wieder herzlich umarmen. Ich nehme also das Obengesagte zurück. – Empfange Dein Eigenthum in der Krone, schicke mir die Charte, Pantoffeln etc. etc. und lebe recht wohl.

d. 29t, Mittags.

Mein lieber Lohse, ich muß Dir jetzt doch mein unverständliches Betragen erklären! – Ich schrieb diesen Brief in Liechsthal und empfing ihn in Basel zurück. – Als ich in Bern erfuhr, daß Du hier seyst, schrieb ich die Nachschrift.

Denn damals schien es mir noch süß, Dir wehe zu thun. – Am andern Tage dachte ich wieder, es [sei] so besser Dir das zu ersparen. Darum schickte ich Dir bloß die Sachen ohne den Brief. – Heute Morgen als ich Dich unter den Arkaden begegnete, Gott weiß, ich hatte das Alles vergessen und mir war es wie vor 6 oder 8 Wochen. Aber das war doch wohl nur bloß ein vorübergehendes Gefühl – Prüfe selbst ruhig, ob wir wohl für einander passen – Du wirst wie ich, die Unmöglichkeit einsehen – Aber komm noch einmal zu mir, wir wollen ohne Groll scheiden.

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