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Deutsche Freundesbriefe aus sechs Jahrhunderten

Verschiedene Autoren: Deutsche Freundesbriefe aus sechs Jahrhunderten - Kapitel 224
Quellenangabe
typeletter
authorJulius Zeitler
titleDeutsche Freundesbriefe aus sechs Jahrhunderten
publisherVerlag Julius Zeitler
editorJulius Zeitler
year1909
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
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222. August Wilhelm Schlegel an Ludwig Tieck

Jena, d. 16. Aug. 99.

Es hat uns gefreut, ein Zeichen des Lebens von Dir selbst zu erhalten; von Deiner Ankunft in Giebichenstein hatte uns Hardenberg schon benachrichtigt.

Ich will Dir nur gestehen, daß ich über Dein Schweigen schon ein wenig ergrimmt gewesen, und daß Du etwas sehr schönes dadurch versäumt hast. Nämlich gleich nach Deiner Abreise verfiel ich auf's Dichten, und habe eine Anzahl Sonette und eine Canzonetten zu Stande gebracht. Dies wollte ich Dir zuerst schicken, um sie dann an Friedrich zu übermachen; nun habe ich die Abschrift in meinem Zorn an diesen gesandt, und Du bekommst sie nicht eher zu sehn, als bis Du mir die in Fischartschen Ausdrücken angekündigte Rezension schickst, d. h. auf Skt. Nimmerstag.

Gut, daß nur endlich der erste Band der Dichtungen fertig ist, und Zerbino seine Reise nach dem schlechten Geschmack, ich meine: unter das Publikum, bald antreten kann. Es ist eben gut, daß er zugleich mit dem neuesten Athenäum kommt, das ich nun endlich auch habe, und in der That sehr ergötzlich finde. Wie Friedrich meldet, hat der lit. Reichsanzeiger in B. große Sensation gemacht, und von den beleidigten Parteien sich schon viel Zetermordio dagegen erhoben.

Caroline hat eine solche Angst vor den Folgen, daß sie noch nicht gewagt hat, hinein zu gucken, und überall wo sie es nur von ferne liegen sieht, die Hände über dem Kopfe zusammen schlägt. Man muß sehen, ob man vermittelst dieses Motivs noch am Ende durchdringt und die Fortsetzung des Athenäums möglich macht. Frölich hat sich die Sache auch nicht zweimal sagen lassen, und gleich die Fortsetzung der anstößigen Rubriken gemeldet. Es wäre artig, wenn am Ende unsre schönen ernsthaften Sachen auf Unkosten der Teufeleien leben müßten. Da ich diesmal fast alles gemacht habe, so kann ich für's erste auf meinen Lorbeern ruhn, und Alles von Euch erwarten.

Bernhardt hat sich zu Verschiednem angeboten, und Du wirst Dich hoffentlich auch nicht lumpen lassen, wenn Du bedenkst, daß Teufeleien die zärtlichste Art sind, mir Liebe zu beweisen, ja noch zärtlicher, als durch Rezensionen. Tu aber bald dazu – ich wünschte sehr, daß das nächste Stück noch auf Michaelis erschiene, und wenn Du etwas ausheckst, so schick' es mir zuvörderst zu.

Ich wäre etwa in der Stimmung, noch mancherlei zu dichten, wenn ich nicht an den verwünschten Richard den II. müßte, in den ich gar nicht hinein kommen kann, weil ich durch die vielen Zerstreuungen ganz verwildert bin. Die Sonette gehören, unter uns, zu dem besten, was ich noch je gemacht habe. Ich bin nun sehr begierig auf Deine Genoveva. Bleibe ja bei dem Entschlüsse, erst wenn sie fertig, den Druck anfangen zu lassen.

Goethe ist immer noch in W. –

Meine Verwandten, die hinüber gereist sind, haben ihn in sehr guter Laune getroffen und gesprochen. Was er zum Athenäum sagt, weiß ich noch nicht, – ich habe es ihm erst heute geschickt.

Lebe wohl – viele herzliche Grüße von allen an Dich und Deine liebe Frau.

Höre, ich werde mir ein Sonett von Dir zum Geschenk ausbitten. Ich habe in dem alten auf die Cleopatra die Terzinen zurecht gerückt, das auf die Leda aus meinem eignen Italiänischen übersetzt, und möchte nun noch einen Pendant auf die Io von Correggio dazu haben, die Du wohl aus dem englischen Kupferstiche kennen wirst.

Du mußt dies aber ein wenig strenge arbeiten, damit man es wirklich für mein Werk halten kann. – Vielleicht schicke ich von diesen beiden eine Abschrift noch mit – es sind die beiden einzigen, die ich Friedrich noch nicht mitgeschickt.

Lebe nochmals wohl
Dein
A. W. S.

*

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