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Deutsche Freundesbriefe aus sechs Jahrhunderten

Verschiedene Autoren: Deutsche Freundesbriefe aus sechs Jahrhunderten - Kapitel 220
Quellenangabe
typeletter
authorJulius Zeitler
titleDeutsche Freundesbriefe aus sechs Jahrhunderten
publisherVerlag Julius Zeitler
editorJulius Zeitler
year1909
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20140417
projectid5cbef5e6
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218. Wilhelm Heinrich Mackenroder an Ludwig Tieck

Sonnabend, Abends, den 5ten May.

Liebster Tieck!

Dein Brief hat mir unaussprechliches Vergnügen gemacht; ja, er hat mich wirklich bis zu Thränen gerührt. Wenn Du weißt, wie weich ich bin, wirst Du mir das glauben. Tieck, ich bin entzückt, daß Du mich so liebst! Werther sagt ganz himmlisch schön, daß er sich selber anbetete, wenn seine Geliebte ihm die Neigung ihres Herzens kund thäte, – und er wiederhohlt sich selbst einmal über das andre die Worte: Lieber Werther, in dem Tone wie sie sie ihm ausgesprochen hat.

O Tieck, ich möchte mich auch selber anbeten, wenn ein Mensch, wie Du, dessen Worte mir Orakel sind, mich so weit mit dem veredelten Bilde meiner selbst in Rausch und Taumel versetzt. – Und wenn ich ja in Deinen Augen etwas Werth bin, wem hab ich es anders zu danken, als Dir? Dir verdank ich alles was ich bin. Alles! Was möchte aus mir geworden seyn, wenn ich Dich nie kennen gelernt hätte! O Tieck, lies Dir diese Worte mit Feuer vor, und sey stolz darauf, daß Du einen Menschen auf immer glücklich machst durch Deine Freundschaft, – so stolz als ich bin, daß Du mich würdigst, mein Freund zu seyn. Bleib es, lieber Tieck, bleib's; Du weißt, daß ich in alle Ewigkeit Dich über alles lieben werde.

Es ist bald 12 Uhr Nachts. Ich lege mich jetzt schlafen. Ich merke daß es eine wahre Wonne ist, an Dich zu schreiben. Selig, selig ist der Tag, den ich mit dem Gedanken an Dich beschließe. Er wird mich auch im Schlafe nicht verlassen. Träume Du auch von mir? Denkst Du jetzt an mich? Oder träumst Du von mir? – Eine allerliebste schmelzend-sanfte Elegie von Voß fängt an:

»Denkt mein Mädchen an mich?«

Es ist eine höchst natürliche schöne Empfindung darin. – Jetzt hat es gerade 12 geschlagen. Gute Nacht. Tieck, fliege her, und ich drücke den feurigsten Kuß auf Deine Lippen. Gute Nacht, der Himmel sey mit Dir! Gute Nacht!

Den 6ten May, Sonntag, Morgens.

Sieh! ists nicht schön, daß ich mit dem Gedanken an Dich zu Bett gegangen, und mit dem Gedanken an Dich wieder aufgestanden bin? – Du siehst, daß ich prompt im Antworten gewesen bin. Meinen ersten Brief, den Rambach eingeschlossen hat, wirst Du wohl empfangen haben. Ich schrieb ihn grade an demselben Tage, da Du Deinen schriebst, den 1sten May. Du wirst mir nun wohl nicht eher, als aus Halle antworten; aber wenn Du kannst, erfülle meine Wünsche bald. Ich werde mein Versprechen in Ansehung des Schreibens gewissenhaft halten. – Noch eins! Sey so gut und mache künftig keinen Brief an mich mehr frey. Wozu sollst Du meinetwegen unnütze Ausgaben haben? Hörst Du? Du mußt es aber auch gewiß thun. – Es bleibt dabey. –

Ja lieber, bester Tieck, wir müssen uns auf Michaelis wiedersehen, ich harre sehnlich auf diese Zeit. O auch mir ist das Andenken an unsre Spaziergänge das heiligste, das ich kenne. Du kannst wohl leicht denken, wie ich mich itzt im Thiergarten befinde, wann ich ihn besuche; jeder Gang, jeder Baum ruft mir Dich zurück; bey jedem Schritt denk ich an Dich und will Deinen Arm in den meinigen nehmen, und fühle, daß mir immer etwas fehlt. Aber dennoch, – oder, was sag ich – vielmehr eben deswegen, werd ich den Thiergarten noch beständig und häufiger als jeden andern Ort mit Vergnügen besuchen. Die Bäume darin prangen itzt mit dem herrlichsten frischesten Grün; einem Grün, das man im Sommer in der verdörrten und versengten und bestäubten Farbe des Laubes gar nicht mehr wiedererkennt. – Mitschicken kann ich Dir noch nichts. Ich habe seit Ostern noch so viel fatale und häßliche Abhaltungen gehabt, daß ich kaum meine gemeinen Alltagsverrichtungen habe thun können.

Montag, den 4ten Juni. Abends.

Eben leg' ich Deinen Brief wieder aus der Hand, den ich wieder gelesen habe. An meinen verlaßnen Freund Tieck soll ich denken? O ich denke oft, und mit ganzer Seele an ihn, – aber daß er verlassen sey, – daß eine düstere Traurigkeit sich wieder wie ein Staar über das heitere Auge seines Geistes gezogen hat, – daß er in Halle noch nicht vergnügt gewesen ist, – das, das hatte ich nicht erwartet. Schreibst Du doch fast grade so, wie Wißmann, dem ich heute früh geantwortet und Trost einzusprechen gesucht habe. Von ihm ahndete ichs; – aber von Dir, wahrlich, von Dir hatte ichs nicht erwartet. Ich glaubte, Du würdest dort Dich zerstreuen, und – wenigstens in den Augen Deiner Freunde, und auch in Deinen eigenen, wenn Du nicht zu tief in Dich hineinblicktest, – einer frohen Heiterkeit genießen. O wehe! daß ich mich getäuscht habe. Du bist in Halle noch gar nicht vergnügt gewesen! Ich bitte Dich, lieber Tieck! Du bist ja lange hinweg über die Periode in dem Lebenslaufe empfindender Menschen, da sie sich alles zu Herzen ziehen, und ihre üble Laune nur pflegen, und es für Sünde halten sich aus ihren Klauen loszureißen! Du weißt ja über Dich zu siegen. Du hast es mich ja gelehrt, so daß ich auch mir wenigstens Mühe gebe, es eben so weit zu bringen. Aus Bülzig schriebst du mir so heiter, daß ich mich recht freute. Was soll ich nun sagen? Ich möchte mich schämen, daß ich hier noch zufriedner leben soll, als Du in Halle. Tieck, ich bitte Dich, wache auf Dich! – Und, was mich in ein bittersüßes Erstaunen setzt, ist, daß Du mich so vermissest. O Tieck, so liebst Du mich denn mehr, als ich je kühn genug war, und seyn konnte, zu erwarten? Es ist als hättest Du mir meine Empfindungen gegen Dich aus meinem Herzen geraubt und ströhmtest sie nun auf mich zurück. Du giebst mir wieder, alles was ich Dir geben kann? Ich beschwöre Dich, hör' auf! Es ist die göttlichste Seligkeit, die ein Mensch zu fassen vermag, aus dem Munde eines Freundes sein Lob zu hören! aber dieser Nektar möchte Gift für mich werden. Hör auf mit diesem Wiedergeben und Wechseln der Freundschaftsergebenheit, denn Du berauschest mich, und wir machen uns in unsrer jetzigen Lage (da kein Sprachrohr einmal dem einen die Worte des andern überbringen kann), nur noch unglücklicher. Ich erschrecke aufs heftigste, wenn Du mir in die Augen sagst: ich sey Dir zum Leben nothwendig! Noch einmal! Was stiehlst Du mir meine Gefühle, – warum verwechselst Du die Rollen in dem schönen Duodram, das wir zusammen spielen, und nimmst die meine? Tieck, ich müßte mich ja in den Staub legen und trauern, wenn ich wüßte, daß meine Entfernung Dir so viel trübe Stunden brächte. Ich habe das nie so geglaubt! Du hast mir das nie so deutlich zu empfinden gegeben. O ich möchte verzweifeln, – ich weiß nicht, was ich thun soll, um Dich glücklich zu machen. Du nennst meine Sprache Schwärmerei. O wenn ich Dich je weniger lieben könnte, – ich wäre der bedauernswürdigste Mensch unter der Sonne. Und wenn ich je Deiner Freundschaft weniger werth seyn sollte, o so erinnere Dich, daß Du mich geliebt hast, und sey so mitleidig, mich wieder zu Dir hinaufzuziehn; verachte mich nicht! – Aber genug! Tieck laß die wilden Ströhme unsrer Empfindungen sanfter fließen. Wir jagen alles heiße Blut in unsre Adern und bringen uns durch diese schädliche Erhitzung in einen kranken Zustand.

Wie sehr muß ich es bedauern, daß Schmohl mit Dir nicht mehr harmoniert. Ich hatte auch das nicht erwartet. Er scheint sich eher von Dir zu entfernen als sich Dir zu nähern. Was Du mir von Bochen sagst, Du kannst leicht denken, wie auffallend und unvermuthet auch das mir gewesen ist. Aber ich glaube es, weil Du es sagst. Wie Menschen sich ändern können! Wenn Du zwischen diesen beyden Dir heterogenen Köpfen hin und wieder schwankst, so kannst Du freilich nicht in Ruhe seyn. Aber – ach! Gott! eben wollt' ich einen Trost für Dich aussinnen, und – Du wirst Dir meine Gedankenstriche erklären können. Ja! es ist schwer für mich. Dich zu trösten. Doch wohl Dir, wenn Du keines Trostes bald mehr bedarfst; wenn der rasche Flügel der Zeit die Gewölke vor Deinen Blicken zertheilt hat, wenn der allmählige Aufenthalt Dir behaglicher wird, und Du Umgang, und in Dir selbst Zufriedenheit findest. Nimm Deine Kraft zusammen und erhalte Deinen Körper und Geist aufrecht und fest. – Ach! ich schreibe konfuses Zeug! Wollte Gott, Du wärst glücklich. O Du wirst, Du mußt es werden.

Dienstag, den 15ten Juni, Abends.

Mit nassen Augen fang' ich an. Dir zu schreiben. O Tieck, Du hast mir schon manche Thränen ausgepreßt; tausend süße, für die ich alle Schätze der Welt nicht verlangte; aber auch bittere, herbe Thränen, die in meinen Augen gebrannt, und mich zu einer melancholischen Sympathie erhitzt haben. Du hast mich lange nicht so erschüttert als durch Deinen letzten Brief. Wenn Du weißt, wie heftig ein solcher Donnerschlag, ein solches Ungewitter, das dem Wohl eines Freundes droht, in dem Herzen seiner anderen Hälfte wiederhallen muß; wenn Du Dir vorstellen kannst, wie schrecklich wahr und lebhaft alle Züge und Bilder vor mir stehen, die Dein flüchtigkühner Pinsel auf das Papier wirft; o so wirst Du empfinden wie das, was Du mir zu erzählen wagst den kältesten Schauer über mein Gebein gegossen, und alle meine Nerven gewaltsam durchbebt hat. Gütiger Himmel! auf welchem entsetzlichen Rande hast Du gestanden! O Tieck, – Gott möge verhüten, daß unsre Freundschaft, die ein Beyspiel der möglichen Menschenglückseligkeit seyn sollte, keinen Stoff zu einem Trauerspiel gebe.

Um alles ist der Welt willen, welcher Dämon macht sich denn ein Vergnügen, Dich unglücklich zu machen? Ich weiß nicht wie meine Zunge zu Dir sprechen soll; sie erstarrt.

Ach ich hatte doch geglaubt, daß Du froher in Halle leben würdest; Deinen Rückfall, was sag' ich, Dein Fortschreiten in der fürchterlichsten Schwermuth, hatte ich wahrlich nicht erwartet. Du flößest mir eine tiefe Betrübniß ein. Mir kommen wirklich wieder die Thränen in die Augen: Tieck – Du hast es jetzt nicht ganz vergessen, daß Du vor – langen Jahren einmal mit mir vergnügt warst? Oder erinnerst Du Dich, daß Du in Deinem Leben mehr als einmal gelacht hast? Um Gotteswillen! Ist die Trennung von mir, von Deinen Freunden die Ursach Deiner beklagenswürdigen Stimmung? Willst Du zu eben der Zeit, da ich Deine Lehren über eine weise Gleichmütigkeit gegen die Kleinigkeiten des vulgären Lebens, auszuüben anfange,wieder mir durch ein entgegenstehendes Verhalten Anlaß zur Trauer geben? O Wehe, Wehe! daß ich in der That einen schwarzen Trauermantel, um meinen Freund, um meinen besten, einzigen Freund anlegen möchte! Denn mein Freund ist – unglücklich! O wenn mein heißes Gebet zum Himmel Erhörung herabzöge! – Tieck, es muß besser werden mit Dir, besser sag' ich, – schiele nicht nach dem traurigen Platz um die Kirche hin, wo Hügel und Kreuze stehn, und falber Wermuth wächst, – nein! besser in diesem Leben. Sollte der Himmel Dir einen erhabenen Geist bloß zu Deiner eigenen Qual gegeben haben? Und willst Du, unter dieser Voraussetzung, immer selbst Deiner vermeyntlichen Bestimmung zum Unglück, entgegenarbeiten? – Es ist nicht möglich, Tieck! Du bist ein Engel! und Du solltest ewig unglücklich sein?

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