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Deutsche Freundesbriefe aus sechs Jahrhunderten

Verschiedene Autoren: Deutsche Freundesbriefe aus sechs Jahrhunderten - Kapitel 22
Quellenangabe
typeletter
authorJulius Zeitler
titleDeutsche Freundesbriefe aus sechs Jahrhunderten
publisherVerlag Julius Zeitler
editorJulius Zeitler
year1909
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20140417
projectid5cbef5e6
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20. Benjamin Schmolcke an einen Mitschüler

Insonders hochgeehrter Herr Bruder!

Wenn ich zuvor Dir gute Gesundheit und alles Wohlergehen gewünschet, und Dich meiner Gesundheit und guten Wohlstandes versichert, als kann ich nicht unterlassen, Dich mit diesen Zeilen zu ersuchen und der altgepflogenen Freundschaft nicht zu vergessen. Ich beklage, daß ich vor meinem plötzlichen Abzuge nicht noch einmal habe mit Dir sprechen können, doch bin ich der guten Hoffnung, es werde hier zu Lauben geschehen. Ich bin glücklich hier angelanget, und bin bey einem Bäcker, Hr. Adam Löschwitz genannt, welchen Dein Herr Stiefvater wol kennen wird, weil er ist einmal bey ihm gewest. Ich habe zwar noch kein hospitium, verhoffe aber solches gewiß, wenn die Hrn. Kaufleute werden nach Hause kommen, weil sie zu Leipzig auf der Messe sind. Wenn Du demnach hieher verlangtest, könntest Du eben bey diesem Bäcker in Tisch gehen, und hättest Deine Kammer alleine, Dein gut Bette und die beßte Gelegenheit, es sind hübsche Leute, keine große Höflichkeit ist bey ihnen zu gebrauchen, und besser würdest Du Dir es nicht wünschen können. Der Hr. Rector ist ein feiner leutseliger Mann, der auch einem nicht ein böse Wort giebt er dutzet auch die Pursche nicht; auch itzo, wenn die Kaufleute wieder von der Messe kommen, so bringen sie uns auch den gelehrten Hrn. Hofmann, welcher hier soll Subrector werden, mitte, wird also die Schule wohl bestellet seyn: wie denn auch der Rector von Moskau hieher ist vociret worden, welcher, weil er ein guter Musicus ist, hier soll Cantor werden. Es wäre Dir auch gut hier wegen der Music, denn die da singen können, die gehen zu Chor (wie man es nennt) und die haben ihr gewiß Geld davor. Begehret aber einer ein Hospitium, so giebt er sich beim Rector an, der hilft ihm auch dazu. Und Du würdest gewiß eines bekommen, weil Du auf dem Clavier und Violin spielen kannst. Doch ist es besser, Propriis leben, wer es nur hat. Ich lasse mir an meiner Stelle genügen, indem ich der 14 von oben, und zwischen mir und Hofmann nur einer sitzt. Kommt einer hieher, so wird er nicht viel examiniret, sondern ihm nur bald die Zeit und der Tag angedeutet, wenn er soll introduciret werden. Man gehet in die Schule, und wieder heraus des Morgens 7-10, zu Mittage 1-4. Viel Begräbnisse sind nicht, und zu den halben Schulen darf man nicht mitte gehen, sonst darf man auch wol bey den anderen außen bleiben, es wird nicht so genau in acht genommen. Es ist hier ein sehr lustiger Ort, und kann man hier wol spatzieren gehen und Kegel schieben. Man hat hier zu allerhand Lust gute Gelegenheit, und reuet mich nicht, daß ich hieher gezogen bin. Die Predigt darf man hier nicht schreiben, nichts recitiren, u. was die Exercitia anbelanget, wollte ich Dir schon helfen, von Versen weiß man hier nicht viel, u. einen guten Locum wirst Du bekommen, daß Du Dir genügen lassen wirst. Wo Du aber kommen willst, so mußt Du innerhalb 4 Wochen kommen, daß Du nicht die Gelegenheit versäumest; es wird Dich gewiß nicht reuen, so Du es thust, glaube Du nur meinen Worten. übrigens bitte ich, Du wollest dem Hrn. Rector diesen Brief nicht in die Schule, sondern nach Hause bringen, und sagen, daß er von mir käme, ich werde es wieder zu verschulden wissen. Unterdessen Gottes Schutz befohlen. Ich verbleibe

Dein dienstwilligster
Benj. Schmolcke,
Ligio Silesius

Lauben den 23. Maji
Anno 1688

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