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Deutsche Freundesbriefe aus sechs Jahrhunderten

Verschiedene Autoren: Deutsche Freundesbriefe aus sechs Jahrhunderten - Kapitel 219
Quellenangabe
typeletter
authorJulius Zeitler
titleDeutsche Freundesbriefe aus sechs Jahrhunderten
publisherVerlag Julius Zeitler
editorJulius Zeitler
year1909
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
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217. Ludwig Tieck an Wilhelm Heinrich Wackenroder

Halle, am 27. May 1792.

Lieber W.!

Daß ich Dir so lange nicht geschrieben habe, mußt Du schon entschuldigen, da ich es nicht entschuldigen kann. Ich kann es nicht begreifen, ich denke täglich, stündlich u. augenblicklich an Dich, ich weiß, was ich Dir schreiben will – und doch ist es nicht geschehn. Ich hatte aber auch heute einen Brief von dir vermuthet, denn wir werden es doch wohl so genau nicht nehmen, daß einer nicht eher wieder schreibt, bis der andre geantwortet hat.

Dein neulicher langer Brief war mir in meiner Einsamkeit eine rechte Freude. Lieber W., Du hast mich bis zu Thränen gerührt, Du sprichst noch eben so, wie Du in Berlin sprachest, das heißt mit freundschaftlichem Enthusiasmus, mit einer Schwärmerei, die jeden meiner Fehler mit einem dichten Vorhang bedeckt, – wenn einst dieses Feuer erlöschen sollte, lieber W., Du dann meine Fehler und Schwachheiten sähest u. Dir dann meine Freundschaft gleichgültig würde. Daß Du immer so mit mir sprichst, kann und darf ich nicht erwarten, aber bester W., laß es nie so weit kommen, daß Du mich verachtest, daß Dich gereut, einst so mit mir gesprochen zu haben. Doch nein! Diese Besorgniß gehört mit zu denen, welchen ich keine Wohnung in meiner Brust einräumen darf, sie ist auch unnütz; das weiß ich, ich kenne Dich zu gut, so lange Du der bleibst, der Du jetzt bist, so lange kann ich auch Deiner wärmsten Freundschaft versichert sein, u. so sehr wirst Du Dich nicht ändern können, daß Du je meine Liebe verkennen solltest, denn sonst – ach! liebster Freund, die Thränen treten mir in die Augen, diese Gedanken versetzen mich in eine Stimmung, die nichts als die Rückerinnerung an jene mit Dir durchlebten Stunden mildern kann. Ich breche ab um Dich nicht auch traurig zu machen.

Du giebst Dir in Deinem Briefe alle mögliche Mühe mich stolz zu machen, lieber W., aber es soll Dir nicht gelingen. Du hättest mir etwas zu danken? O wüstest Du, wie viel ich Dir schuldig wäre! – Alles! Warst Du es nicht, der mich von der trübsten Schwermuth heilte? Gab mir Dein Umgang, Deine Freundschaft nicht alles zurück, was sie mir zurückgeben konnte? Du hast alle meine Gefühle verfeinert und veredelt. Du bist jezt fast der einzige Mensch, der mich wirklich kennt und der mich versteht. Was ich Dir alles zu danken habe, das empfinde ich erst jetzt recht lebhaft, jezt, da ich Deiner Freundschaft entbehren muß, ich sehe oft nach der Gegend hin, nach welcher Berlin liegt, und wie der Aufgang des Mondes steigen dann am fernsten Horizont alle jene Scenen auf, in welchen ich einst so glücklich war, sie sinken wieder unter und schwarze Nacht liegt beklemmend um mich her.

Wir hatten ausgemacht, daß ich der Hoffnung nicht weiter Raum geben sollte, daß du ein Jahr oder ein halbes in Halle wohnen solltest, ich weiß nicht wie es gekommen ist, ich habe keine Schuld, diese Pflanze ward von mir gar nicht gepflegt, aber sie ist von selbst zum schönsten Baum emporgewachsen, ich fand ihn erstaunt und ruhe jezt, da ich es nicht mehr ändern kann, oft unter dem Schatten seiner breiten Zweige aus und betrachte über mir das Spiel der grünen Blätter und schöne Blüthen des Trostes fallen auf mich herab, – meine Schuld ist es nicht, schilt nicht auf mich, lieber W., ich kann wahrlich nicht dafür, und da diese Hoffnung jezt fast das Einzige ist, was ich habe, so gönne sie mir immer. Ich habe es nie so lebhaft gefühlt, als jezt, wie sehr ich Deiner bedarf, um zu leben, im eigentlichen Sinn, l. W., hast Du nur noch einiges Mittleid mit mir, o so komme künftige Ostern sicher, ich kann es sonst wirklich nicht aushalten, es ist mir hier alles so eng und einzwängend, alle meine Kraft versiegt, die reizende Natur verliehrt ohne einen Freund, der mit uns empfindet, alles Schöne, statt des Belebenden des Frühlings sieht man in jedem Wesen nur, wie ein jeder Athemzug ihn näher zum Grabe rückt, alles verdorrt und verlischt in meiner Seele, ich bin die wenigen Tage hier schon so traurig gewesen, als ich es seit einem Jahre nicht gewesen bin, ich empfinde bloß, was ich verlohren habe und nicht was ich besitze; o lieber W., wenn Du es doch über Deinen Vater vermögen könntest, daß er Dich nach Halle schickte, wenn nicht auf Michaeli, doch auf Ostern (Du siehst wie kühn ich in meinen Hoffnungen bin) es sind hier die geschicktesten Professoren, Du brauchst mit keinem Studenten umzugehen so wenig wie ich es thue, denn ich kenne Niemand und mich kennt Niemand, man wird hier gar nicht bemerkt, der Ton ist überhaupt schon weit gesitteter als ehedem, ach Freund, wenn Du dann in meiner Nähe wohntest u. ich Dich dann wie in Berlin oder Du mich zu Spatziergängen abholtest, wir läsen wieder Shakespear zusammen, Du spieltest mir auf dem Clavier etwas vor, wir besuchten Reichardt zusammen – welche göttliche Aussichten! Entzücken sie Dich eben so wie mich? Du schreibst, ich soll gesund bleiben, so wie ich jezt bin und empfinde, kann ich nicht dafür stehn, denn ich bin hier noch keine Stunde vergnügt gewesen – und werde es auch schwerlich sein, darum lieber W., gieb Dir alle Mühe, Deinen Vater zu bewegen. Dich hierher zu schicken, man kann hier vieles lernen und fleissig sein – und in Erlangen wärst Du ja dann eben so sehr verlassen wie ich jezt hier, wärst es dann noch mehr als Du es jezt in Berlin bist, vielleicht noch mehr u. das will außerordentl. viel sagen, als ich es in Halle bin, denn ich habe doch noch die Reichardtsche Familie, Dein Vater liebt Dich ja so sehr, er ist ein so gütiger vortrefl. Mann, vielleicht daß er Deine Bitten erfüllt. Antworte mir doch ja, was Du und ich darüber zu hoffen haben, denn das ist jezt das, mas mich am meisten in der Welt interessiert.

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