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Deutsche Freundesbriefe aus sechs Jahrhunderten

Verschiedene Autoren: Deutsche Freundesbriefe aus sechs Jahrhunderten - Kapitel 217
Quellenangabe
typeletter
authorJulius Zeitler
titleDeutsche Freundesbriefe aus sechs Jahrhunderten
publisherVerlag Julius Zeitler
editorJulius Zeitler
year1909
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20140417
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215. Friedrich Wilhelm Joseph Schelling an Georg Wilhelm Friedrich Hegel

Tübingen am heil. Dreikönigsabend 1795.

Du erinnerst Dich also noch Deiner alten Freunde? Beinahe glaubte ich mich und uns alle von Dir vergessen. Überhaupt scheinen unsre alte Bekannte uns nimmer zu kennen. Renz ist in unserer Nähe; wir sehen und hören nichts von ihm, und – Hölderlin – ich vergeb es seiner Laune, daß er unsrer noch nie gedacht hat. Hier meine Hand, alter Freund! Wir wollen uns nimmer fremd werden! Ich glaube sogar, wir könnten uns indeß neu geworden sein: desto besser zum neuen Anfang!

Willst Du wissen, wie es bei uns steht? – Lieber Gott, es ist ein αὐχμὸς eingefallen, der dem alten Unkraut bald wieder aufhelfen wird. Wer wird es ausjäten? Wir erwarteten alles von der Philosophie und glaubten, daß der Stoß, den sie auch den Tübinger Geistern beigebracht hatte, nicht sobald wieder ermatten würde. Es ist leider so! Der philos. Geist hat hier bereits seinen Meridian erreicht – vielleicht daß er noch eine Zeit lang in der Höhe kreißt, um dann mit accelerirten Falle unterzugehen. Zwar giebt es jetzt hier der Kantianer die Menge – aus dem Munde der Kinder und Säuglinge hat sich die Philosophie Lob bereitet – aber nach vieler Mühe haben nun endlich unsere Philosophen den Punkt gefunden, wie weit man (da es nun einmal ohne die leidige Philosophie nimmer fort will) mit dieser Wissenschaft gehen dürfe. Auf diesem Punkt haben sie sich fest gesetzt, angesiedelt und Hütten gebaut, in denen es gut wohnen ist und wofür sie Gott den Herrn preisen! – Und wer wird sie noch in diesem Jahrhundert daraus vertreiben? Wo sie einmal fest sind, da bringe sie der – – – weg! – Eigentlich zu sagen, haben sie einige Ingredienzien des K.schen Systems herausgenommen, (von der Oberfläche versteht sich), woraus nun tanquam ex machina so kräftige philosophische Brühen über quemcunque locum theologicum verfertigt werden, daß die Theologie, welche schon hektisch zu werden anfing, nun bald gesünder, als jemals, einhertreten wird. Alle möglichen Dogmen sind nun schon zu Postulaten der praktischen Vernunft gestempelt und, wo theoretisch-historische Beweise nimmer ausreichen, da zerhaut die praktische (tübingische) Vernunft den Knoten. Es ist Wonne, den Triumph dieser philosophischen Helden mit anzusehen. Die Zeiten der philosophischen Trübsal, von denen geschrieben steht, sind nun vorüber!

– Wenn ein großer Mann erscheint und einen neuen meteorischen Gang, weit über die Köpfe der bisherigen Menschen weg, vorschlägt, wie angst und bange wird es da dem großen Haufen der gemäßigten, wohlgeregelten Menschen, die die Mittelstraße wandeln, und welche Noth ist es, bis sie endlich im Schweiße ihres Angesichts zwischen dem neuen excentrischen und dem alten bequemen und abgetretenen Wege eine neue Mittelstraße gefunden haben, auf der ein rechtlicher Mann in Fried und Ruhe einträchtig mit andern Parteien wandeln kann. Diese Mittelstraße ist nun gefunden! Nun Friede und Ruhe und sanfter Schlaf mit ihrem Geiste an allen Enden und Orten! Sie haben nun wieder ausgearbeitet! Ihr Maß ist voll!

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