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Deutsche Freundesbriefe aus sechs Jahrhunderten

Verschiedene Autoren: Deutsche Freundesbriefe aus sechs Jahrhunderten - Kapitel 216
Quellenangabe
typeletter
authorJulius Zeitler
titleDeutsche Freundesbriefe aus sechs Jahrhunderten
publisherVerlag Julius Zeitler
editorJulius Zeitler
year1909
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
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214. Johann Gottlieb Fichte an Reinhold

Zürich, den 15. Januar 1794.

Baggesen, den ich vor einiger Zeit hier gesehen, der mir in Kurzem für sich Alles dasjenige eingeflößt, was ein solcher Mann jedem, der nur einiges Gefühl für wahre Würde hat, nothwendig einflößen muß, und der vielleicht auch für mich einen guten Eindruck bekommen, machte mir von Ihnen eine Schilderung, welche meiner immer gehegten Hochachtung gegen den gründlichen Denker und gegen einen meiner verdientesten Lehrer durch Schriften, noch die viel angenehmere Empfindung der Liebe für den reinen Charakter hinzufügte, und mich überzeugte, daß ich manche Ihrer öffentlichen Handlungen ehemals aus einem falschen Gesichtspunkte angesehen; ersetzte insbesondere hinzu: seyen Sie je gegen irgend Jemand zur Freundschaft gestimmt gewesen, so seyen Sie es gegen mich. Ich würde, was ich jetzt thue, sogleich nach dieser Unterredung gethan haben, wenn ich nicht von Zeit zu Zeit einer Antwort auf meine Zuschrift an Sie entgegengesehen hätte. Aber – Ihre Geschäfte können Sie verhindert haben, zu antworten, Sie können aus andern Gründen die Antwort aufgeschoben haben; es läßt sich hieraus Nichts schließen. Ich thue es also jetzt, und bitte mit den Gesinnungen des freien Mannes, der Ihren Werth von ganzem Herzen ehren, achten, lieben, sich seiner freuen, aber auch den seinigen nicht aufgeben will, Sie um Ihre Freundschaft, um Ihre Liebe, um Ihr Zutrauen, und versichre Sie, wenn Sie diese meine Bitte gewähren, der unbegränztesten Achtung, Anhänglichkeit und Zutrauens von meiner Seite. Halten Sie mich jener Gesinnungen nicht werth – auch eine versagte Antwort würde mir das sagen, aber ein gerades Nein wäre Ihrer und meiner würdiger – so werden Sie wenigstens darum mich nicht weniger achten, daß ich diese Bitte that, und dann steht alles auf dem alten Fuße, und die jetzige Handlung ist gar nicht geschehen. Gewähren Sie mir dieselbe, so geben Sie dadurch meinem Herzen eine sehr angenehme Befriedigung, und zugleich entsteht daraus noch ein andrer Vortheil, der aber bei der Beratschlagung über das Wesentliche nicht in Anschlag kommen muß. Die Philosophie hat große Schulden an das Menschengeschlecht zu bezahlen; sie sollte auch insbesondere der gelehrten Welt das Beispiel zweier Männer geben, welche, bei aller Verschiedenheit ihres besondern Wegs, das Ziel ihrer Arbeit vereinigte, welche einander herzlich lieben und ehren konnten, ohngeachtet sie nicht über Alles gleich dachten, welche durch die Anstrengung, die ihre eigenen Arbeiten ihnen gekostet haben, nicht abgehalten wurden, den Wert des Andern gehörig zu würdigen. Ich fühle mich fähig, der eine dieser Männer zu seyn, und Reinhold ist gewiß zu Allem, was gut und groß ist, fähig.

In Erwartung Ihres Entschlußes bin ich mit denjenigen Gesinnungen, die ich immer gegen Sie hegte etc. etc.

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