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Deutsche Freundesbriefe aus sechs Jahrhunderten

Verschiedene Autoren: Deutsche Freundesbriefe aus sechs Jahrhunderten - Kapitel 215
Quellenangabe
typeletter
authorJulius Zeitler
titleDeutsche Freundesbriefe aus sechs Jahrhunderten
publisherVerlag Julius Zeitler
editorJulius Zeitler
year1909
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
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213. Baggesen an Jacobi

Kiel, den 26. April 1797.

Hoffnung erfüllt meine Seele wieder, theuerster Jacobi! Meine Sophie wird mir vielleicht doch erhalten werden; – ja ich hoffe es fast mit Zuversicht. Diese Nacht schlummerte sie aus einem erquickenden Schlaf in den andern hinüber, vom Husten nur bisweilen geweckt. Um 2 Uhr rief sie aus: »Ach! wie himmlisch! Ich träumte schon von Mendrisio.« Was träumst Du, Liebe? frug ich. »Daß ich mit meiner Mutter ein Gericht bereitete, eine ganz eigene, vortrefflich schmeckende, gesundlabende Weinsuppe, an die ich seit der Schweiz nicht gedacht habe.« Schön geträumt, lieber Engel! – Himmel! welch ein Kind bin ich! Freute mich doch dieser Traum, als wäre mir ein Engel mit der Botschaft gekommen: Sie wird leben!

Den 1. Mai. Nachmittags.

Hensler ist da gewesen. Er erschrak sichtbar über ihren Anblick: als er ihren Puls gefühlt, war das Todesurtheil in der Miene, die sein erglühendes Gesicht durchblitzte, unverkennbar. Er ergriff ihre Hand und drückte sie in sprachloser Rührung. »Wie finden Sie meinen Puls?« frug sie ihn mit schwacher Stimme. »Jetzt gut!« antwortete er mit einem Tone, der mir: Jetzt ist's aus! sagte.

Ich folgte ihm nach, als er wegging. Auf meine Fragen antwortete er: »Sie ist äußerst schlecht! Warum sollte ich's Ihnen verbergen? Ich fürchte ...«

Ich taumelte zurück in die Stube. Mein Herz wollte meinen Busen zersprengen – Gott! und ich mußte ihrer Ruhe schonen; faßte mich gewaltsam, und trat lächelnd zu ihr und sagte: »Gottlob, süßer Engel! ich hatte Glauben, aber nunmehr habe ich Gewißheit.« – »Wovon?« frug sie. – »Daß wir einander behalten!« – »Ich auch!« rief sie aus mit einer Innigkeit, mit einer Zuversicht, mit einer so unverkennbaren Überzeugung, daß ich hätte Blut weinen mögen.

Reinhold kam, und war ganz mein Reinhold! Wir sprachen von Gott und Unsterblichkeit. Ach! der Erste ist mir so klar, und die Letzte so dunkel! Doch Heil mir, daß es nicht umgekehrt ist. Denn viel leichter thue ich Verzicht auf mein Dasein, als auf seines. Er ist Alles und ich bin Nichts, außer das Gefühl in mir, worin Er ist. Ich bin! ja ich bin – und sinke, sinke, sinke! Er ist! o! das allein hebt noch mein gesunkenes Ich. Zertrete mich, Vater! nur laß es mein Herz fühlen, indem es zermalmet wird, daß dein Fuß es war, der es zertrat!

Den 2. Mai, Mitternacht.

Ja! Er ist! nicht die Himmel mit allen ihren Engeln, nicht die unendliche Feste, der über uns gewölbte Ocean, worin die Welten Tropfen sind, nicht die Buchstaben, die wir Principien nennen, verkündigen dem Leidenden sein Sein; denn dieser hört nicht die Sprachen des Himmels, er sieht nicht das weltenwogende Sonnenmeer der Schöpfung, und was kümmern ihn alle Buchstaben der Erde? Nein! Er selbst ruft es laut in dem brechenden Herzen: Ich bin!

Herr! nicht mein, sondern Dein Wille geschehe!

Und, o Gott! gibt es andere Menschen, die leiden, was ich leide, o so nimm ihnen ihre Vernunft, deine größte Gabe, oder gib ihnen dazu Religion, deine größere!

Diese Nacht nehme ich Abschied von meiner Sophie – Gott bewahre vor Wahnsinn Deinen

B.

*

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