Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Verschiedene Autoren >

Deutsche Freundesbriefe aus sechs Jahrhunderten

Verschiedene Autoren: Deutsche Freundesbriefe aus sechs Jahrhunderten - Kapitel 212
Quellenangabe
typeletter
authorJulius Zeitler
titleDeutsche Freundesbriefe aus sechs Jahrhunderten
publisherVerlag Julius Zeitler
editorJulius Zeitler
year1909
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20140417
projectid5cbef5e6
Schließen

Navigation:

210. Baggesen an Reinhold

Kopenhagen, den 24. Mai 1792.

Mein Bruder! O daß ich Dir's ganz mittheilen könnte: diese selige Freude, dies unnennbare Entzücken, diese nie empfundene neue Wollust – O, dies non plus ultra der irdischen Glückseligkeit das mich in diesem Augenblicke zum beneidenswerthesten aller Sterblichen macht! Gestern Abend, diese Nacht noch, um Mitternacht, würde ich keinem Teufel (wenn es deren gibt) meine Qualen übertragen haben, weil ich sie unausstehlicher als die Hölle selbst glaubte; ich war der Verzweiflung näher als je, bereute (nie hätte ich einen Schmerz, der dies bewirken könnte, möglich geträumt) meine unaussprechlich theure Sophie je geliebt zu haben, je von ihr geliebt worden zu sein, bat, flehte zuletzt um dreifache Zerschmetterung den Himmel, nur alle drei auf ein Mal, durch einen Blitz getroffen: denn sie litt unaussprechlich! Diesen Morgen, O Gott! diesen Morgen fühle ich tausendfach, daß du bist, daß du ewig sein wirst; fühle, daß ich bin, daß ich ewig sein werde; fühle es in unaussprechlicher Entzückung! O mein Bruder! dies erste Geschrei! dies der Mutter, dem Vater Linderung und Leben verkündende Geschrei des neugebornen Sohnes! O was ist alle genossene und phantafirte Freude der Wirklichkeit und der Dichter dagegen! Du kennst diese Vergütung der Leiden! Theile sie mit mir! Genieße sie wieder ganz mit Deinem Bruder! Wehe mir, wenn mich je das unglücklichste Schicksal zur menschenvaterentehrenden Verzweiflung hinfüro bringt! Nein, nie, nie werde ich den Augenblick im Paradiese vergessen! Von jetzt an verstumme jedes Murren, schweige jede Klage! Wenn Er, der mir Ihn gegeben hat, sie, mit ihm, mir wiedergegeben hat, ihn, sie selbst auch wieder nähme; diese Erinnerung kann, will, wird er mir nie nehmen. Ich bin einmal im Himmel gewesen, mein Wesen wurde Asbest in seiner Seligkeit, ich gehe jetzt unversengbar durch jede Hölle.

Vater, Mutter, ja einst gewiß auch der Sohn segnen Dich und deine Sophie mit dreifacher, ewiger Liebe!

Lebe wohl, mein Bruder Reinhold, und vergib dem Seligen alle seine Schwachheiten, Fehler und – doch nein, gegen Dich keine Sünden! Leb wohl, leb' ewig wohl! Dein glückseliger

B.

Melde es unserem Vater, der Vatersinn hat, Vaterentzückungen empfand und mitzuempfinden vermag, wie irgend Einer! Wenn ich Dich bitte, es ihm zu melden, so bitte ich Dich auch um Dasselbe für die Mutter. Vater und Mutter, ich fühle es, sind Eins.

Kopenhagen, den 1. Juni 1792.

O verzeihe mir, theuerster Reinhold! dieser kurze Brief ist verspätet worden. Alle Ursachen sind zusammengestoßen, um ihn zurückzuhalten. Überhaupt bin ich noch immer in einem Rausche, daß ich nicht weiß, was ich thue, was ich gethan habe, vergesse das Eine über dem Andern, was Formen und das Mechanische betrifft, unterdessen daß mein Herz unaufhörlich mit dem Wesen und den Hauptsachen beschäftigt ist. Kein Tag, Gott weiß es, geht vorbei, wo ich nicht Dich besuche, mit Dir spreche, aber ich vergesse darüber, Dir zu schreiben, es scheint mir überflüssig. Du bist mir so nahe, Reinhold! O, begreifst Du's, daß der ergebenste, liebendste, gänzlichste Freund zuweilen nicht schreiben kann, zumal wenn er die Unordnung selbst, das lyrischste Ding unter Gottes Sonne ist? Begreifst du es? Wie wäre ich unglücklich, wenn Du es nicht begreifen könntest!

Und doch wird dieser Brief heute nicht, morgen und übermorgen nicht abgehen können. Jetzt muß er aufgeschoben werden, weil ich Dir nun, um meinen Fehler wieder gut zu machen, Alles auf ein Mal sagen will.

Kopenhagen, den 9. Juni 1792.

Endlich, mein geliebtester Freund, habe ich einen ruhigen Vormittag, den ich an der Seite meiner Sophie, neben meinem schlafenden Sohne, mit Deinen Briefen vor mir, in Deiner Unterhaltung zubringen kann! Noch, glaube ich, hat kein Sterblicher einem andern so viel zu sagen gehabt, als ich Dir, Bruder meiner Seele, Vater meines helleren Denkens, zu sagen habe.

Um aber Dein Herz nicht unruhig zu lassen, zuerst die Nachricht, daß meine Sophie alle Gefahr glücklich überstanden hat, daß Sie selbst stillt, daß das Kind gesund und wohl, und ich dabei uno minor Jove bin.

*

 << Kapitel 211  Kapitel 213 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.