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Deutsche Freundesbriefe aus sechs Jahrhunderten

Verschiedene Autoren: Deutsche Freundesbriefe aus sechs Jahrhunderten - Kapitel 211
Quellenangabe
typeletter
authorJulius Zeitler
titleDeutsche Freundesbriefe aus sechs Jahrhunderten
publisherVerlag Julius Zeitler
editorJulius Zeitler
year1909
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
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209. Jens Baggesen an Reinhold

Kopenhagen, den 10. Dezember 1790.

Womit soll ich anfangen, geliebtester Freund meiner Seele, Ihnen das unendliche Viele, was ich Ihnen erzählen möchte, vorzuplaudern? Es ist ein wahres Bedürfniß, Alles, was meinem Kopfe und meinem Herzen, seit dem Augenblicke, worin wir uns in Jena sahen, Wichtiges aufgestoßen ist. Alles was auf den besseren Theil meines Selbstes bleibenden Eindruck gemacht hat, in den Schoos Ihrer theilnehmenden Freundschaft auszuschütten; es ist mir dringendes Bedürfnis geworden, Ihnen, als meinem zweiten Gewissen, die bedeutendsten Veränderungen meines Seins, die Geheimnisse meiner inneren und – in so fern diese jene bestimmt – meiner äußeren Geschichte aufzudecken. Sie werden dies Bedürfniß, wenn auch nicht für mich, so doch sonst im Allgemeinen, mitempfinden können; nur Körper können sich wundern, daß die kurze Bekanntschaft und der noch kürzere Umgang einiger Tage ein solches Bedürfniß hat erzeugen können, aber Seelen nicht. In den helleren Momenten ihres Daseins bedürfen denkende Wesen kaum der Zeit, um sich zu kennen, sich zu verstehen, sich an einander zu schmiegen und sich für die Ewigkeit zu verbrüdern. Sie begegnen sich, wie zwei Lichtstrahlen, die, einmal gesammelt, sich nicht wieder trennen; ihre Vereinigung ist eine notwendige Folge der Harmonie, und diese Harmonie ist auf die Alleinigkeit des höchsten Princips der Wahrheit gegründet.

Reinhold! wenn ich Ihnen sage, daß seit dem 7. August in Dornburg, seit dem wehmütig-süßen Augenblicke, wo wir an der Thüre, mit in einander geschlungenen Händen, unsre sich zum letzten – ach nein! zum ersten Male vielmehr – umarmende Frauen ansahen, wie sie, gleich zwei Grazien, die den Tod der dritten beweinen, dastanden! – liebster Reinhold! wenn ich Ihnen sage, daß seit jenem Augenblicke der schmerzhaftesten Trennung, die ich bis jetzt kenne, kein Tag, kein halber Tag vergangen ist, da ich nicht an Sie gedacht, mich mit Ihnen unterhalten, Sie mit den wehmüthigsten Empfindungen vermißt, und wiederum mit der seligsten Entzückung meiner Phantasie mir vergegenwärtiget habe; wenn ich Ihnen sage, daß ich nicht nur Ihre eigenen Werke, sondern kein anderes Buch in all dieser vergangenen Zeit gelesen habe, ohne Ihnen unmittelbar meine Gedanken und Empfindungen dabei mitzuteilen; wenn ich Ihnen sage; daß mir zur vollkommensten Glückseligkeit nicht fehlt, als Ihre sinnlichere Unterhaltung, und daß, so lange mir diese fehlt, nichts Anderes in der ganzen großen Welt Gottes mir das Fehlende ersetzen kann; so sage ich die reinste Wahrheit, und Sie werden mir es glauben, weil es Wahrheit ist.

O, was würde ich in den meisten jener Augenblicke dafür gegeben haben, Sie blos eine halbe Stunde zu sprechen, um Ihnen meine Freude, meine Entzückung und meinen innigsten Dank zu bezeugen! weinend in Ihre Arme, zu Ihren Füßen zu stürzen, von dem überwältigenden Gefühle hingerissen, daß ich keinem Sterblichen so viel der Verschönerung meiner Seelenexistenz schuldig bin! Ja, liebster, unvergeßlicher Reinhold, nur in dieser Rücksicht, nur wenn ich an Jena, und was in meinem Begriffe davon dazu gehört, denke, flammt noch der Enthusiasmus meiner Seele mit seinem ganzen jugendlichen Ungestüm auf. Ich bin sonst der Knabe nicht mehr, dessen Nerven bei jeder Berührung zitterten, dessen Herz jede Wonne zum konvulsivischen Pochen, jeder Schmerz zum Bluten brachte; die Wirbelwinde des schrecklichsten Ungewitters unsers Innern, der Liebe, die mich ehemals zwischen Himmel und Hölle herumwarfen, haben sich gelegt; ich liebe, inniger als je, aber es sind nicht mehr die Stürme, die Blitze, der Hagel, die tobenden Elemente, es ist der milde Sonnenschein der ruhigen ehelichen Anhänglichkeit, deren wohlthätige Wirkung eben so weit vom erstarrenden Frost als vom verzehrenden Blitz, eben so weit vom Toben des Oceans als von der Todesstille der drückenden Wolke, die der Natur zu athmen verbietet, entfernt ist. Die sichtbaren Ueberreste des Chaos in dem noch fortdauernden Beben der ersten Erschütterung unsers Erdballs, das Krachen der gebährenden und das Stöhnen der sterbenden Natur, auf jenen Gipfeln und in jenen Klüften der Urgebirge, wo unsere Erde auf einmal anzufangen und aufzuhören scheint, erschüttern nur, wenn man dort ist; und ich bin nicht nur weit von der Spitze Petina's, sondern ich bin mitten in einer Hauptstadt, wo selbst das Bild solcher Größe unter so vielen Eindrücken des Kleinen erlischt. Die Geburtswehen der politischen Freiheit, die zweite Revolution erster Größe unsers Jahrhunderts, Galliens Phänomene, fesselten einmal nicht blos meine ganze Aufmerksamkeit, sondern alle Kräfte meiner Seele concentrirten sich in dieser einzigen Spannung; aber die Unmöglichkeit, heute zu wissen, wie es heute dort geht, die Schwierigkeit, es unter einen einzigen allgemeinen Gesichtspunkt zu bringen, und endlich das viele Menschliche, was darin das Göttliche verschleiert, macht, daß ich jetzt mehr ruhiger Beobachter als leidenschaftlicher Theilnehmer dabei bin.

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