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Deutsche Freundesbriefe aus sechs Jahrhunderten

Verschiedene Autoren: Deutsche Freundesbriefe aus sechs Jahrhunderten - Kapitel 210
Quellenangabe
typeletter
authorJulius Zeitler
titleDeutsche Freundesbriefe aus sechs Jahrhunderten
publisherVerlag Julius Zeitler
editorJulius Zeitler
year1909
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
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208. Humboldt an Wegener

Berlin, den 27ten Januar 89.

Innigst geliebter Bruder! Noch nie habe ich einen Brief von Dir erhalten, der sehnlicher erwartet und zugleich befriedigender für mich gewesen wäre, als der letzte, den Du mir schriebst. So eine Wärme in den Empfindungen so eine Herzlichkeit im Ausdruck und dabei so viel Geradheit des Sinnes, so viel Adel der Seele, die sich in jeder Zeile äußerten, hat das froheste Gemisch von Empfindungen in mir erregt. Wie tief habe ich da nicht gefühlt, daß Freundschaft und Liebe die herrlichsten Geschenke der Gottheit sind. Warlich, mein Bester, der Mensch ist nicht bloß dazu gemacht, um die Tiefen der Spekulation zu ergründen. Das Empfinden, nicht das Reflectiren ist der Genuß. Aber das Reflectiren ist da, um das Empfinden zu erhöhen um den gebildeten Geist fähig zu machen, die Freuden des Lebens zu vervielfältigen. So stehen Fähigkeit zu denken und zu empfinden in einer unverkennbaren Harmonie. Je größer die Denkkraft, desto tiefer die Empfindung. Jenes ist Mittel, dies der Zwek. Der kalte Philosoph, der sein Herz den seligen Freuden des Umganges verschließt, ist in meinen Augen ein Flekken auf dem großen Plane der Schöpfung! Wenige Menschen hat die Natur so gefühlvoll erschaffen, als Dich, aber schon darum hat sie wenige so gut geschaffen als Dich. Glaube nicht, daß ich Dir schmeicheln wolle. Wie käme Schmeichelei in den Mund eines Freundes, wie ich Dir bin! Du schriebst mir ganz in der Sprache Deiner Empfindung, ich antworte Dir in der Sprache der meinen. Aber ob meine Empfindung der Deinigen gleich sei? Diese Frage entscheide ich nicht. Wenn ich die Sehnsucht messe mit der ich aus jede Nachricht von Dir harre, glaube ich, daß kein Freund den anderen inniger lieben könne als ich Dich liebe. Wenn ich den Gedanken an Dich recht lebhaft mache, wenn ich alle die Äußerungen der Freundschaft in meine Seele zurückrufe, die ich aus Deinem Munde empfing, dann beunruhigt mich der Gedanke, daß ich Dich nicht so liebe, als Deine gute, weichgeschaffene Seele, als Deine Anhänglichkeit an mich es verdienen. Welcher sonderbare Widerspruch in meinen Empfindungen! Der Gedanke allein tröstet mich, daß diese Bangigkeit, diese Vorwürfe selbst Spuren ächter Freundschaft sind. Du schreibst, daß der Tag Dir ein Festtag sei an dem Du Briefe von mir empfängst. Ich glaube es, weil Du es sagst; ich glaube es gern, weil dieser Gedanke für mich etwas süßes und fröhliches hat. Wie sehr erhöht er das Vergnügen, welches mir unsere schriftliche Unterhaltung gewährt. Oft, recht oft will ich Dir schreiben, lieber Bruder! Möchtest Du mich auch mit Deinen Briefen häufig erfreuen. Halte dies ja nicht für einen Vorwurf über Dein vergangenes Stillschweigen. Dieser Schmerz ist lange in meiner Seele vertilgt. Wer nach so einem Briefe, wie Dein letzter war, noch die Vergangenheit erwähnte, verdiente Deine Liebe nicht – Mich jammert die Lage in der Du Dich jetzt befindest. Sie hat mit der meinigen manches ähnliche. Darum empfinde ich Deinen Kummer um so mehr. An mich drängen sich hundert Zerstreuungen, die mich von dem abführen was mich drükt. Aber Du, auf Deinem Dörschen, im rauhen Winter, bei den langen Abenden, allein ohne Umgang, ohne Freund wie Du ihn brauchst von gleichem Alter, von gleicher Empfindung ... wenn ich mir Dich so denke (und wie oft stellt sich dieses Bild mir dar) dann bricht mir das Herz. Nein, Bruder, Du kannst, du mußt diesen Zustand verlassen. Sollte gleich, was ich nicht fürchten mag, Dein Plan zur Versorgung fehlschlagen (und wer steht dafür) so mußt Du doch weg aus Deinem väterlichen Hause. Du bist von Frankfurth aus an ein genügsames Leben gewöhnt. Was kann einem denkenden Manne daran liegen, etwas schlechter zu essen, schlechter zu wohnen ... Ist es irgend möglich, so komme hieher. Ich bin mit Deinen häuslichen Umständen nicht bekannt. Ich weiß nicht was Dir Dein Vater geben kann. . Aber Du hast doch auch manche Gelegenheit hier, etwas zu verdienen, kleine litterarische Arbeiten, die Zöllner Dir genug zuweisen wird und das freilich sehr lästige und kümmerliche Stundengeben. Aber interea aliquid sit! Du könntest mir wohl darüber etwas schreiben! – Wie glüklich sind von dieser Seite nicht die akademischen Jahre, wo man von allen diesen Sorgen nicht gequält wird, wo man mit guten Menschen durch die engsten Bande verknüpft, zu einem Zwekke hinstrebt ... Wie schnell ist mir der vorige Winter vorübergeeilt, wie lang wird mir dieser. Gott! wie fröhlich haben wir bei Deinem alten zerrissenen Stuhle am Ofen so manche Stunde fröhlich verplaudert. Kein Tag verging, wo wir uns nicht oder 2 mal sahen. Wie ist jetzt schon alles zerschlagen, wo sind unsre alten Freunde! Albinus in Schlesien, Mezner und Du in der Neumark (und doch nicht beisammen) Herzberg in Halle, ich in Berlin und bald noch weiter. Mit Mezner schreibst Du Dich wahrscheinlich. Sage ihm doch daß ich noch recht oft an ihn dächte und daß ich wünschte, er habe auch mich nicht vergessen ... Gott behüte Dich, lieber Bruder. Ich widerhohle, was ich Dir schon so oft gesagt habe, daß ich keinen Menschen auf Erden, meinen leiblichen Bruder nicht, so herzlich liebe als Dich. Emphiele mich unbekannterweise Deinem alten Vater, der mir nach allem, was ich von ihm höre, Verehrungswerth ist, und schreibe, schreibe mir bald.

Dein Dich zärtlichst liebender Bruder
Alexander Humboldt.

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