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Deutsche Freundesbriefe aus sechs Jahrhunderten

Verschiedene Autoren: Deutsche Freundesbriefe aus sechs Jahrhunderten - Kapitel 207
Quellenangabe
typeletter
authorJulius Zeitler
titleDeutsche Freundesbriefe aus sechs Jahrhunderten
publisherVerlag Julius Zeitler
editorJulius Zeitler
year1909
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20140417
projectid5cbef5e6
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205. Schleiermacher an Reimer

Ohne Datum.

– Wenn nicht Herz gestorben wäre und ich in Sorgen lebte um Eleonoren so würde ich weiter sein. Mein Gemüth ist auf mannigfache Art sehr bewegt und es giebt viele Stunden wo ich nicht arbeiten kann. Hoffentlich wird alles dieses glücklich vorübergehen; es ist eine schwere Zeit für mich, lieber Freund. – In der Mitte des künftigen Monats muß ich auf einige Tage verreisen; ich hoffe Dir noch vorher das Ende des ersten und den Anfang des zweiten Buches zu schicken. Ohnehin ist nun das Trockenste Gott sei Dank überstanden. Laß Dir noch einmal Leonoren empfohlen sein. Sie ist nun noch mehr verlassen da die Herz in eignen Verwirrungen lebt und ihr weniger wird hülfreich sein können. Lebe wohl, theurer Freund, und habe einiges Mitleid mit mir; ich bedarf dessen. Deiner Geduld nicht zu bedürfen will ich mein Bestes thun.

 

Es wird Dich wohl nicht wundern, lieber Freund, wenn ich Dir sage daß bis jezt vom zweiten Buche der Kritik noch keine Zeile eigentlich fertig ist, denn ich seze voraus daß Du durch die Herz einigermaßen weißt wie mir zu Muthe ist. Indessen hoffe ich, wenn die Nachrichten von Leonoren erst beruhigend werden, recht gut nachzuholen. Ehe aber das zweite Buch nicht ganz fertig ist bekommst Du nichts davon. Es hat mich schon beim Anhang des ersten einigermaßen geniert daß ich nicht alles vor mir hatte. – Im Novalis sind göttliche Sachen. Ich liebe ihn unendlich und tröste mich jezt oft mit ihm wenn mir der Gedanke kommt, ich könnte wohl auch bestimmt sein eine tragische Person zu werden. – Eine schwere Periode durchlebe ich jezt. Es ist ein Sturm, der mich wenn nicht zerschmettert doch höchst wahrscheinlich weit verschlagen wird von den Hafen in den ich so bald einzulaufen dachte. Aber es ist mir nicht für mich sondern um Leonoren ängstet sich meine Seele. Doch liebe ich sie nur um desto mehr auch deswegen. Denn es ist warlich selten bei so vieler Kraft und Derbheit und so gänzlicher Entfernung von aller Empfindelei, so überweich zu sein vor lauter hingebender Milde und Liebe. Einen Theil ihres Lebens hat sie sich jezt gewiß verkürzt und mir wird es auch die Anstrengung mit der ich alles dieses und die schreckliche Entfernung vertrage nicht verlängern. Doch was ist an der Zeit gelegen! Glaube und Liebe und Hoffnung sind ja ewig.

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