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Deutsche Freundesbriefe aus sechs Jahrhunderten

Verschiedene Autoren: Deutsche Freundesbriefe aus sechs Jahrhunderten - Kapitel 201
Quellenangabe
typeletter
authorJulius Zeitler
titleDeutsche Freundesbriefe aus sechs Jahrhunderten
publisherVerlag Julius Zeitler
editorJulius Zeitler
year1909
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20140417
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199. Ludwig Neuffer an Hölderlin

Stuttgart d. 20. Jul. 1793.

Hat Dir Dein Genius nicht einen freundlichen Morgengruß zugeflüstert? Mein Lieber! Fühltest Du nicht ein leises Säußeln um Dein Ohr? Lebhaft dacht' ich diesen Morgen Dein und unsrer Freundschaft, die uns vereint dem schönen Ziel unsrer Jugendlichen Träume entgegentragen soll. Nun sollen die Keime endlich reifen, und die Schale abspringen. Noch viele Blumen blühen auf der Flur der Grazien, noch manche goldne Frucht ist in Uranias himmlischen Gärten verschlossen; eine reiche Beute für den Suchenden.

So lang die labyrinthischen Gänge des Herzens noch nicht enthüllt sind, so lang es noch unzählige neue Situationen gibt, in welche der Mensch gegen den Menschen gesezt werden kann, so lange die Philosophie und Moral noch verschleyerte Gottheiten nährt, so lang die Natur nicht in allen ihren Formen versinnlicht worden ist, so lange muß der Dichter noch reiches Feld zu Entdekungen haben, wenn Imagination, Herz und Beobachtungsgabe ihm nicht versagen. Ich verstehe die einfältige Klage nicht, man könne in unfern Zeiten nichts neues mehr sagen. Homer und Ossian hatten vielleicht den nehmlichen Ton anstimmen können. Es gibt noch unentdekte Gegenden in dem Gebiethe der Dichtkunst; aber verborgene Wege leiten zu ihnen, wo der Muth und die Kühnheit seine, dämmernde Strahlen hinwerfen. Laß uns auf unversuchten Bahnen sie entdeken. Die Schwinge der Begeisterung trägt früher über Klippen zum Zwek, als ängstliche Verlegenheit. Sollten wir uns durch Versuche abschröken lassen? oder gar durch ein hämisches Urtheil der Afterkritik? Die Nachwelt soll unsre Richterin seyn, und wenn ich das nicht in prophetischer Gewißheit mir selbst weisagen kann, so reiß' ich jede Saite von meiner Leyer und vergrabe sie unter den Schutt der Zeit. Die höhere Ode und der Hymnus, zwey in unsern Tagen, und vielleicht in allen Zeitaltern am meisten vernachlässigte Musen! In ihre Arme wollen wir uns werfen, von ihren Küssen beseelt uns aufraffen. Welche Aussichten! Dein Hymnus an die Kühnheit mag Dir zum Motto dienen! Mir gehe die Hoffnung voran. Ihre lodernde Fakel wird mir die Nacht erhellen, und die Klippen mich vermeiden lassen, an denen schon so mancher scheiterte. Ich hab' ihr einen Hymnus gesungen, der mich wieder mit meinen poetischen Ahndungen ausgesöhnt hat. Durch Meisterwerke wollen wir unsre Neider und Feinde beschämen. Nur noch ein Jahr sollten wir beyeinander wohnen, wie ehmals. Jezt könnten wirs besser beuuzen. Kein elendes Geschwäz sollte uns trennen. Ich freue mich sehr. Dich bald hier zu umarmen, denn ich bin gewiß, Du hältst Dein Versprechen, und kommst auf den Herbst zu mir. Diese Tage sollen ganz der höheren Freude gewidmet seyn.

Ein kleines Gedichtchen schik ich Dir mit: meine übrige Arbeiten kannst Du persönlich einsehen.

Zum Beschluß noch eine gedoppelte Bitte. Wenn Du Deinen Hesiodus eine Zeitlang entbehren kannst, so schik ihn mir. Er soll nicht verdorben werden. Theile mir Deinen Hymnus an die Kühnheit mit. Ich bins gewiß, daß Du es thun wirst, weil ich in dißem Falle auch nicht vergebens Dich bitten ließe. Ich will ihn einigen Freunden und Freundinnen lesen lassen, die ein großes Verlangen darnach tragen: Besonders ist Eine, die ich nicht nenne, darum begierig, weil Dich Matthison deßwegen umarmte, ob er gleich zu seiner Empfehlung keiner solchen Folie bedarf. Ich will ihn dann in Stäudlins Registratur zu seinem weiteren Gebrauche niederlegen.

Lebe wohl, mein Freund! und laß mich bald der Erfüllung meiner Bitten entgegensehen.

Neuffer.

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