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Deutsche Freundesbriefe aus sechs Jahrhunderten

Verschiedene Autoren: Deutsche Freundesbriefe aus sechs Jahrhunderten - Kapitel 197
Quellenangabe
typeletter
authorJulius Zeitler
titleDeutsche Freundesbriefe aus sechs Jahrhunderten
publisherVerlag Julius Zeitler
editorJulius Zeitler
year1909
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20140417
projectid5cbef5e6
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195. Hölderlin an Nast

Lieber Bruder!

Wieder eine Stunde wegphantasirt! Ich war auch bei Dir – ich kann das nie besser, als in meinen müssigen Abendstunden – wann ich so allein im Dunkeln bin – Ich war auch noch anderswo – – und das Ende von allem war – daß ich mich und andre bedaurte. Denn sage mir, Freund, warum soll ich mir um meine beste Absichten Pallisaden sezen, meine unschuldigste Handlungen für Verbrechen auslegen lassen – daß es doch so schlechte Menschen giebt, unter meinen Cameraden so elende Kerls – wann mich die Freundschaft nicht zuweilen wieder gut machte – so hätt ich mich manchmal schon lieber an jeden andern Ort gewünscht, als unter Menschengeselschaften – Sieh, lieber, nicht Eigenliebe und übertriebene Empfindlichkeit ists, was mich so wüthend machte – jemand anders, dessen Begegniße mir näher ans Herz gehen als meine, wurde beleidigt – o daß ich so zurükhaltend gegen Dich sein muß – aber ich muß – ich muß – vielleicht künftig – Hätt ich lieber gar geschwiegen, Du wirst vielleicht böse über das kindische Gewinsel – und doch wüßt ich nirgends mit hinaus, als zu Dir. Als ich Dir neulich schreiben wollte, war ich mit rasenden Zahnschmerzen geplagt. – Wann ich nur auch einmal etwas recht lustiges schreiben könnte. Nur Gedult! 'S wird kommen – hoff ich – oder – oder – hab ich dann nicht genug getragen? Erfuhr [ich] nicht schon als Bube, was den Mann seufzen machen würde? und als Jüngling, gehts da besser? Und diß sei die Zeit, sagen sie, wo wirs am besten haben! Du lieber Gott! bin ichs dann allein? jeder andere glücklicher als ich? Und was hab' ich dann gethan?

Ja, Bester, gerade das, was mich trösten solte, das liegt am schwersten auf mir. Da denk [ich] allemal – wann in Dir die Wollust, Hader, Raufsucht wüthete, wenn Du wärest was viele um Dich herum sind – O ich will schweigen – Verzeih mir dießmal, lieber, Du kenst mich kaum – und kenst mich schon beinah als einen solchen, der den anklagt, welcher allweise unser Schicksaal lenkt – aber so will ich nimmer kommen – Ich werde wieder wenig schlafen – wenn ich nur bei Dir wäre. Du zeihst mich vielleicht – ich liebe – – – würd ich dann so sprechen? sage mir Freund – oder weist Dus nicht? Nun – ich weiß es auch nicht. Jezt gute Nacht – morgen soll das Urtheil über das Gesudel gesprochen werden, und vielleicht zerreiß ichs.

Hölderlin.

*

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