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Deutsche Freundesbriefe aus sechs Jahrhunderten

Verschiedene Autoren: Deutsche Freundesbriefe aus sechs Jahrhunderten - Kapitel 195
Quellenangabe
typeletter
authorJulius Zeitler
titleDeutsche Freundesbriefe aus sechs Jahrhunderten
publisherVerlag Julius Zeitler
editorJulius Zeitler
year1909
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20140417
projectid5cbef5e6
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193. Müller an Bonstetten

Boissiere, den 31. Junii 1779.

Ich kann mich nicht enthalten, obwohl ich es mir vorgenommen, Dir, zum letztenmal, zu sagen, daß ich in der That über Dein Stillschweigen gegen mir betrübt bin, und ich bin entschlossen, wenn es mir sogar unmöglich ist, im Angedenken meines besten Freundes zu bleiben, mich von allen Menschen zu trennen, heim zu meiner Mutter zu gehen, keinen Menschen mehr zu besuchen, und Niemanden mehr zu schreiben; in dieser Einsamkeit werde ich wechselsweise studieren und schlafen, zu einem so einfachen Leben habe ich Geld genug; und bin alsdann aller Sorgen frei. Ich weiß wohl, daß ich Dir nicht gleichgültig bin. Unglücklicherweise für uns liebe ich Dich mehr, als alle andere Menschen zusammengenommen. Dieses ist meine einige Leidenschaft, ausgenommen die Liebe der Wissenschaften. Letztere macht mir alle andere beschwerlich, also daß ich für mein ganzes Leben keine andere Verbindung haben möchte, als einen Freund. Für mein empfindliches Herz ist ein Freund unentbehrlich; auch meinen Geist, von der Bürde der Studien belastet, möchte ich in seinem Schooß ausruhen, und in seiner Seele neue Nahrung der meinigen finden. Dieser Wunsch ist mein einiger, andere wären mir beschwerlich. Nur gestehe ich, daß mir nicht genug ist, alle vier Wochen ein paar Zeilen von meinem Freunde zu erbetteln. Zugleich melde ich Dir, daß ich verschiedene Männer von Tugend und Geist kenne und gekannt habe, daß mein Herz keinen Dir gleich findet; also, mein Lieber, wenn der Himmel mir die Gnade thun will, Herrn Gray's Grabschrift mir möglich zu machen ( he gain'd all he wished, a friend), wird er Dich rühren; ist mein Schicksal anderst, will ich nach B. keinen andern Freund, und will Obiges thun. Wenn Du wüßtest, in welcher Maaße mich dieses Alles schmerzt, würde ich bei Dir wo nicht Liebe, doch Mitleiden finden, und es wird auch Dich einst gereuen, wenn Dein Herz mich sucht, daß wir einander versäumt haben.

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