Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Verschiedene Autoren >

Deutsche Freundesbriefe aus sechs Jahrhunderten

Verschiedene Autoren: Deutsche Freundesbriefe aus sechs Jahrhunderten - Kapitel 188
Quellenangabe
typeletter
authorJulius Zeitler
titleDeutsche Freundesbriefe aus sechs Jahrhunderten
publisherVerlag Julius Zeitler
editorJulius Zeitler
year1909
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20140417
projectid5cbef5e6
Schließen

Navigation:

186. Johannes Müller an Carl Victor von Bonstetten

Freund!

Cuius amor tantum mihi crescit in horas,
Quantum vere novo viridis se subjicit aenus.

Schaffhausen, den 14. Mai 1773.

Da ich mich heut in Ihre Umarmungen werfe, so fühle ich eine Erhöhung meiner Seele, welch ihr nicht gewöhnlich ist, und Sünden über Sünden gegen den Curialstyl gemeiner Freunde, Ergießung meiner ganzen Seele in Ihre Seele, Rede des Herzens zum Herzen, einen wahren natürlichen Ausdruck meiner innigsten Empfindung gegen Sie, liebster Freund! mich erwarten läßt. Es ist immer um gute Bekanntschaften eine nützliche Sache, man nennt auch sehr oft diejenigen Freunde, deren Bekanntschaft uns schätzbar ist. Wenn aber die Seelen sich vereinigen, wenn Edle zu edlen Thaten sich verbinden; wenn ich meinem Freund ins Mark seiner Seele sehe, nicht den Edelgebohrnen, nicht den Gelehrten, sondern den guten und den weisen Menschen aus innerstem Grund meines Herzens liebe, und unserm Jahrhundert zum Vorwurf und zur Lehre, zum Ruhm der menschlichen Natur und unserer Nation von nun an durch alle Jahre meines Lebens liebe – dann, edler B.!, verdient diese Vereinigung den eigentlichen heiligen Namen der Freundschaft, und wir erheben uns zur Größe der vortrefflichsten Menschen Montaignes, Lälius und Heinrichs, der Sully liebte. Zwei Dinge sind sehr wahr, wir können einmal unser Herz, so wenig als es in unsern Gegenden bei der ehelichen Liebe erlaubt ist, wenigen schenken; ich weiß auch nicht, ob Vertraulichkeit ohne mündliche, herzliche Unterredung oder einen offnen freien ungezwungenen Briefwechsel, bestehen kann. Ihre Miene, mein lieber Freund, verräth so etwas Weises, Gutes und Hohes, daß Sie beim ersten Anblick mich frappirten. Ich erkundigte das Maaß Ihres Geistes bei einem sehr vertrauten Züricher Freunde, den auch Sie kennen; hier wurde meine Aufmerksamkeit Hochachtung und ich suchte Sie. Unsere Unterredungen leitete ich auf Bücher und Gegenstände, welche zur Entdeckung des Charakters Ihres Geistes und Herzens mir Hülfe leisten konnten. Es mißfiel mir zwar ein wenig, da Sie mir bisweilen Komplimente machen wollten, deren Unbegründetes wir beide gleich gewiß erkennen. Sie wurden aber mit denselben von Tag zu Tag sparsamer; ich fieng an, Ihre Seele in Ihren Augen zu lesen, und die stolze Bemerkung zu machen, Sie wären nicht ganz gleichgültig gegen mich. Nun erlauben Sie mir das freie Bekenntniß, daß ick Sie von ganzem Herzen, mehr als meine übrigen auswärtigen Bekannten und Freunde alle, liebe. Erlauben Sie mir den warmen Wunsch, so vertraut mit Ihnen als mit meinem eigenen Herzen sprechen zu dürfen; Ihr Freund so gut als mein eigener zu heißen, vom 10ten Mai 1773 bis an unsern Tod, eine neue, große, wichtige Epoche meines Lebens von Ihrer Freundschaft anzufangen. Ich nenne viele Freunde, ich gestehe Ihnen, daß ich an wenige glaube; an Sie aber glaube ich so stark, daß (wenn Ihr Herz nur unveränderlich ist) ich Ihnen im Vertrauen den allerobersten Platz unter allen meinen auswärtigen Freunden geben, und Sie zu meinem Vertrautesten machen möchte. Ich habe lange den Umgang eines Freundes der Weisheit gewünscht, der mir ungefähr gleich an Jahren, die gleiche Bahn des Lebens mit mir durchwanderte, und in dessen treuen Schoos ich meine Entwürfe und Überlegungen, Vaterland, Wissenschaften und menschliches Geschlecht betreffend, mit freundschaftlicher Freimüthigkeit ausschütten könnte. So dürstet in der Wüste von Irack ein beduinischer Araber nach einer erlabenden Quelle, wie ich, o Freund! nach Ihresgleichen verlangte. Es gibt kein Hindernis unserer Freundschaft in der Welt, wir beide können schreiben, Bern und Valeires liegen nicht jenseit des Weltmeeres, und wir sind Eidsgenossen. Eidsgenossen, theurer B.! im engsten Sinne wollen wir seyn. Es sehe kein Mensch die Briefe, welche das Gemälde unserer Herzen enthalten, unsere Tugenden und Fehler, unsere guten und unvollkommenen Gedanken und Entwürfe, unsere freundschaftlichen Ahndungen und Zurechtweisungen erzählen. Ich zeige mich Ihnen, so fehlerhaft ich bin, offen und frei. Soll Freundschaft unter uns seyn, so schlagen Sie ein, so offnen Sie, so ganz wie ich, Ihr schönes Herz gegen meines, das sein Verdienst darin setzt, ganz Ihnen zu gehören. So gut, besser vielleicht, als Lavater die Physiognomien, unterscheide ich den natürlichen, redlichen Ausdruck der Freundschaft und die erkünstelte, durch Zeit und Herkommen festgesetzte Sprache der großen Welt. Der großen Welt! Lassen Sie uns beide, edler Freund! mit Glanz und Ehre auf dem großen Schauplatz erscheinen, unsere Freundschaft sey aber altmodisch, nicht wie der großen Welt, sondern wie der wenigen Edlen Freundschaft. Ihr großes Herz mahne mich auf die richtige Straße zurück, wenn zu viele Lebhaftigkeit mich von derselben entfernen will. Wir wissen beide mehr, als unsere Mitbürger, bei weitem aber nicht alles. Gemeinsame Beobachtungen leiten uns vielleicht weiter, als Arbeit ohne Unterstützung und Beispiel! Wir wollen die Annalen unserer Lektüre führen und dieselben uns mitteilen, Urtheile und Bemerkungen über unsere Verfassungen. Fragen Sie mich über alles, was Sie vergeblich suchen, oder sonst gerne wissen möchten. Soll ich ihnen bisweilen den Saft der helvetischen Chroniken, übersetzt in Teutsch, übersenden? Soll ich bei Ihnen in Valeires am Herbst Italienisch und Englisch aussprechen lernen? Schreiben Sie mir, was Sie wollen, es sey nur aus Ihrem Herzen und mit Ihrer Hand geschrieben. Wollen Sie mir, wie Sie mir zusagten, den Catalogen Ihrer Bücher einsehen lassen, ich gedenke der Erinnerung sehr wohl, welche Sie dabei machten. Seyn Sie überzeugt, daß Ihre Gelehrsamkeit so wenig, als der Adel Ihres Hauses – daß allein der Adel Ihrer Gesinnungen Ihnen mein ganzes Herz in einem Grade gewonnen hat, den ich Ihnen nicht beschreiben kann. Der angenehmste Teil Ihrer Briefe wird derjenige seyn, welcher von Ihrer eigenen Geschichte handelt. Darf ich Ihnen zusenden, was ich von Zeit zu Zeit drucken lasse, und wollen Sie mich auch ohne Nachsicht richten? Sie vermögen alles über mich. Nichts entzückt mich wie der Gedanke jener seligen Zeit, die ich mit Ihnen noch einst auf Ihrem Landgute im einsamen Cabinette zubringen will.

Ich küsse Sie, mein theurer B! indem ich Sie in Gedanken an die Brust drücke, in welcher ein so getreues Herz für Sie schlägt.

*

 << Kapitel 187  Kapitel 189 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.