Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Verschiedene Autoren >

Deutsche Freundesbriefe aus sechs Jahrhunderten

Verschiedene Autoren: Deutsche Freundesbriefe aus sechs Jahrhunderten - Kapitel 177
Quellenangabe
typeletter
authorJulius Zeitler
titleDeutsche Freundesbriefe aus sechs Jahrhunderten
publisherVerlag Julius Zeitler
editorJulius Zeitler
year1909
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20140417
projectid5cbef5e6
Schließen

Navigation:

175. Schiller an Gottfried Körner

Golis am 3. Julii (Sonntag) 85.

Ich habe Lust, Dir heute recht viel zu schreiben, denn mein Herz ist voll. Ohnedem wirst Du mich vielleicht diesen Nachmittag unterwegs erwarten, und weil ich diese Hoffnung nicht erfüllen kann, so soll wenigstens meine Seele Dich begleiten. Die Zeit war vorgestern für meine Wünsche zu kurz, und ich hätte eine Injuria gegen meine Kameraden begangen, wenn ich Dich als mein Eigenthum hätte behandeln wollen. Also mag dieser Brief hereinbringen, was neulich verloren ging.

Bester Freund – der gestrige Tag, der zweite des Julius, wird mir unvergeßlich bleiben, solang ich lebe. Gäbe es Geister, die uns dienstbar sind und unsre Gefühle und Stimmungen durch eine sympathetische Magie fortpflanzen und übertragen, du hättest die Stunde zwischen halb Acht und halb Neun Vormittags in der süßesten Ahndung empfinden müssen. Ich weiß nicht mehr, wie wir eigentlich darauf kamen, von Entwürfen für die Zukunft zu reden. Mein Herz wurde warm. Es war nicht Schwärmerei, – philosophischfeste Gewißheit wars, was ich in der herrlichen Perspektive der Zeit vor mir liegen sah. Mit weicher Beschämung, die nicht niederdrükt, sondern männlich emporraft, sah ich rükwärts in die Vergangenheit, die ich durch die unglüklichste Verschwendung mißbrauchte. Ich fühlte die kühne Anlage meiner Kräfte, das mislungene (vielleicht große) Vorhaben der Natur mit mir. Eine Hälfte wurde durch die wahnsinnige Methode meiner Erziehung und die Mißlaune meines Schiksals, die zweite und größere aber durch mich selber zernichtet. Tief, bester Freund, habe ich das empfunden, und in der allgemeinen feurigen Gährung meiner Gefühle haben sich Kopf und Herz zu einem herkulischen Gelübde vereinigt – die Vergangenheit nachzuhohlen, und den edlen Wettlauf zum höchsten Ziele von vorn anzufangen. Mein Gefühl war beredt, und theilte sich den anderen elektrisch mit. O, wie schön und wie göttlich ist die Berührung zweier Seelen, die sich auf dem Wege zur Gottheit begegnen. Du warst biß jezt noch mit keiner Silbe genannt worden, und doch las ich in Hubers Augen Deinen Nahmen – und unwillkürlich trat er auf meinen Mund. Unsere Augen begegneten sich, und unser heiliger Vorsaz zerschmolz in unsere heilige Freundschaft. Es war ein stummer Handschlag, getreu zu bleiben dem Entschluß dieses Augenbliks – sich wechselsweise fortzureissen zum Ziele – sich zu mahnen und aufzuraffen einer den andern – und nicht stille zu halten, biß an die Grenze, wo die menschlichen Größen enden. O, mein Freund. Nur unserer innigen Verkettung, ich muß sie noch einmal so nennen, unserer heiligen Freundschaft allein war es vorbehalten, uns gros und gut und glüklich zu machen. Die gütige Vorsehung, die meine leisesten Wünsche hörte, hat mich Dir in die Arme geführt, und ich hoffe, auch Dich mir. Ohne mich sollst Du eben so wenig Deine Glükseligkeit vollendet sehen können, als ich die meinige ohne Dich. Unsere künftig erreichte Vollkommenheit soll und darf auf keinem anderen Pfeiler als unsrer Freundschaft ruhen. – Unsere Unterredung hat diese Wendung genommen, als wir ausstiegen, um unterwegs ein Frühstük zu nehmen. Wir fanden Wein in der Schenke. Deine Gesundheit wurde getrunken. Stillschweigend sahen wir uns an, unsere Stimmung war feierliche Andacht, und jeder von uns hatte Tränen in den Augen, die er sich zu erstiken zwang. Göschen bekannte, daß er dieses Glas Wein noch in jedem Gliede brennen fühlte. Hubers Gesicht war feuerroth, als er uns gestand, er habe noch keinen Wein so gut gefunden, und ich dachte mir die Einsezung des Abendmahls – »Dieses thut, so oft ihrs trinket, zu meinem Gedächtniß.« Ich hörte die Orgel gehen und stand vor dem Altare. Jezt erst fiels uns auf die Seele, daß heute Dein Geburtstag war. Ohne es zu wissen haben wir ihn heilig gefeiert. – Theuerster Freund, hättest Du Deine Verherrlichung in unseren Gesichtern gesehen – in der vom Weinen erstikten Stimme gehört: in dem Augenblike hättest Du sogar Deine Braut vergessen, keinen Glüklichen unter der Sonne hättest Du beneidet. – – Der Himmel hat uns seltsam einander zugeführt, aber in unserer Freundschaft soll er ein Wunder gethan haben. Eine dunkle Ahndung ließ mich so viel, so viel von Euch erwarten, als ich meine Reise nach Leipzig beschloß, aber die Vorsehung hat mir mehr erfüllt, als sie mir zusagte, hat mir in Euren Armen eine Glükseligkeit bereitet, von der ich mir damals auch nicht einmal ein Bild machen konnte. Kann dieses Bewußtseyn Dir Freude geben, mein theurester, so ist Deine Glükseligkeit vollkommen.

Die nahe und süße Aussicht auf den Besiz Deiner Minna wird freilich Dein ganzes Herz ausfüllen und es für fremde Freuden und Leiden verschließen, aber ich muthe Dir auch jezt nicht zu, Deine Sympathie an mich zu verschwenden und mit dem Zustande meines Herzens beschäftigt zu seyn. Ich will nur haben, daß der Gedanke an Deinen Freund Deine Freude vergrößern soll, und wenn Du zuweilen Augenblike hast, wo Du anderen Empfindungen Raum gibst, daß dann meine Gemüthsfassung eine Quelle des Vergnügens mehr für Dich seyn möge.

*

 << Kapitel 176  Kapitel 178 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.