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Deutsche Freundesbriefe aus sechs Jahrhunderten

Verschiedene Autoren: Deutsche Freundesbriefe aus sechs Jahrhunderten - Kapitel 175
Quellenangabe
typeletter
authorJulius Zeitler
titleDeutsche Freundesbriefe aus sechs Jahrhunderten
publisherVerlag Julius Zeitler
editorJulius Zeitler
year1909
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
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173. Schiller an Gottfried Körner

Mannheim den 10. Februar (Donnerstag) 85.

Unterdessen, daß die halbe Stadt Mannheim sich im Schauspielhaus zusammendrängt, einem Auto da Fé über Natur und Dichkunst – einer großen Opera – beizuwohnen, und sich an den Verzukungen dieser armen Delinquentinnen zu Waiden, stiege ich zu Ihnen, meine Theuersten, und weiß, daß ich in diesem Augenblik der Glüklichere bin. Jezt erst fange ich an, meine Phantasie, die unruhige Vagabundin, wieder lieb zu gewinnen, die mich aus dem traurigen Einerlei meines hiesigen Auffenthalts so freundschaftlich weg, und zu Ihnen führt. Es ist kein Opfer, das ich Ihnen bringe, wenn die Erinnerung an Sie meinen ganzen Horizont um mich her zernichtet – es ist wirklicher Eigennuz, meine süßeste Erholung von meiner jezigen freudenlosen Existenz, daß meine Seele um Sie schweben darf. Augenblike, wie der gegenwärtige, wo alle meine Empfindungen in wollüstiges Trauren dahinschmelzen, wo ich in mich selbst zurüktrete, und von meiner eigenen Armut schwelge; solche Augenblike, wo meine Seele aus ihrer Hülle schwebt und mit freierem Fluge durch ihre Heimat Elisium wandert, sollen den Freunden meines Herzens geheiligt seyn. Wenn Sie zuweilen, mitten unter den berauschenden Zerstreuungen Ihres Lebens von einer plözlichen Wehmut überrascht werden, die Sie nicht gleich erklären können, so wissen Sie von jezt an, daß in der Minute Schiller an Sie gedacht hat – dann hat sich mein Geist bei Ihnen gemeldet.

Dieser Eingang, fürchte ich, wird einer Schwärmerei gleicher sehen als meiner wahren Empfindung, und doch ist er ganz, ganz Stimmung meines Gefühls. Für Sie, meine besten, kann ich schlechterdings keine Schminke auftragen, diese armselige Zuflucht eines kalten Herzens kenne ich nicht. Seit ihren letzten Briefen hat mich der Gedanke nicht mehr verlassen wollen: »Diese Menschen gehören Dir, diesen Menschen gehörest Du.« – Urtheilen Sie deßwegen von meiner Freundschaft nicht zweideutiger, weil sie vielleicht die Miene der Übereilung trägt. – Gewissen Menschen hat die Natur die langweilige Umzäunung der Mode niedergerissen. Edlere Seelen hängen an zarten Seilen zusammen, die nicht selten unzertrennlich und ewig halten. Große Tonkünstler kennen sich oft an den ersten Akkorden, große Maler an dem nachlässigsten Pinselstrich – edle Menschen sehr oft an einer einzigen Aufwallung. Doch vernünfteln möchte ich über meine Empfindung nicht gern. Ihre Briefe – und wir waren Freunde. Für Sie spricht Ihr erster freiwilliger Schritt, und dann Ihre edle Toleranz gegen mein Schweigen – für mich spreche, wenn Sie wollen, Karl Moor an der Donau. Wäre dann aber auch das noch zu wenig, so könnten wir unsere 5 Köpfe zu Lavater tragen.

Wenn Sie mit einem Menschen vorlieb nehmen wollen, der große Dinge im Herzen herumgetragen und kleine gethan hat; der biß jezt nur aus seinen Thorheiten schließen kann, daß die Natur ein eignes Projekt mit ihm vorhatte; der in seiner Liebe schrecklich viel fordert und biß hieher noch nicht einmal weiß, wie viel er leisten kann; der aber etwas anders mehr lieben kann als sich selbst, und keinen nagenderen Kummer hat, als daß er das so wenig ist, was er so gern seyn möchte – wenn Ihnen ein Mensch wie dieser lieb und theuer werden kann, so ist unsere Freundschaft ewig, denn ich bin dieser Mensch. Vielleicht, daß Sie Schillern noch ebenso gut sind, wie heute, wenn Ihre Achtung für den Dichter schon längst widerlegt seyn wird.

Werden Sie nach diesem Geständniß vorbereitet seyn, ein Zweites zu hören? O meine Besten, Ihre freiwillig mir entgegenkommende Liebe hat einen merkwürdigen Einfluß auf die wirkliche Lage meines Herzens gehabt. Ich habe einen so unglücklichen Hang zum Vergrößern, daß oft geringe Veranlassungen meine Hoffnung schwindelnd fortreissen, daß oft der kleinste Umstand Mir ein Saamenkorn von etwas Unendlichem wird. Dieses nämliche fängt mir an mit Ihrer Freundschaft zu begegnen. Ihre liebevollen Geständnisse trafen mich in einer Epoche, wo ich das Bedürfniß eines Freundes lebhafter – – – – – – – – – – – – 22. Februar (Dienstag) als jemals fühlte. (Hier bin ich neulich durch einen unvermuteten Besuch unterbrochen worden, und diese 12 Tage ist eine Revolution mit mir und in mir vorgegangen, die dem gegenwärtigen Briefe mehr Wichtigkeit gibt, als ich mir habe träumen lassen – die Epoche in meinem Leben macht.) Ich kann nicht mehr in Mannheim bleiben. In einer unnennbaren Bedrängnis meines Herzens schreibe ich Ihnen, meine Besten. Ich kann nicht mehr hier bleiben. Zwölf Tage habe ichs in meinem Herzen herumgetragen, wie den Entschluß aus der Welt zu gehen. Menschen, Verhältnisse, Erdreich und Himmel sind mir zuwider. Ich habe keine Seele hier, keine einzige, die die Leere meines Herzens füllte, keine Freundin, keinen Freund; und was mir vielleicht noch theuer seyn könnte, davon scheiden mich Konvenienz und Situationen. – Mit dem Theater hab ich meinen Contract aufgehoben; also die oekonomische Rüksicht meines hiesigen Auffenthalts bindet mich nicht mehr. Außerdem verlangt es meine gegenwärtige Connexion mit dem guten Herzog von Weimar, daß ich selbst dahin gehe und persönlich für mich negotiiere, so armselig ich mich auch sonst bei solcherlei Geschäften benehme. Aber vor allem anderen lassen Sie michs frei heraussagen, meine Theuersten, und lächeln Sie auch meinetwegen über meine Schwächen – ich muß Leipzig und Sie besuchen. O meine Seele dürstet nach neuer Nahrung – nach bessern Menschen – nach Freundschaft Anhänglichkeit und Liebe. Ich muß zu Ihnen, muß in ihrem nähern Umgang, in der innigsten Verkettung mit Ihnen mein eignes Herz wieder genießen lernett, und mein ganzes Daseyn in einen lebendigern Schwung bringen. Meine poetische Ader stokt, wie mein Herz für meine bisherige Zirkel vertroknete. Sie müssen sie wieder erwärmen. Bei Ihnen will ich, werd ich alles doppelt, dreifach wieder seyn, was ich ehemals gewesen bin, und mehr als das alles, o meine Besten, ich werde glüklich seyn. Ich wars noch nie. Weinen Sie um mich, daß ich ein solches Geständnis thun muß. Ich war noch nicht glüklich, denn Ruhm und Bewunderung und die ganze übrige Begleitung der Schriftstellerey wogen auch nicht einen Moment auf, den Freundschaft und Liebe bereiten – das Herz darbt dabei.

Werden Sie mich wol aufnehmen?

Sehen Sie – ich muß es Ihnen gerade heraussagen, ich habe zu Mannheim schon feierlich aufgekündigt, und mich unwiderruflich erklärt, daß ich in 3-4 Wochen abreise, nach Leipzig zu gehen. Etwas großes, etwas unaussprechlich angenehmes muß mir da aufgehoben seyn, denn der Gedanke an meine Abreise macht mir Mannheim zu einem Kerker, und der hiesige Horizont ligt schwer und drükend auf mir, wie das Bewußtseyn eines Mordes – Leipzig erscheint meinen Träumen und Ahndungen wie der rosigte Morgen jenseits den waldigten Hügel. In meinem Leben erinnere ich mich keiner so innigen prophetischen Gewißheit, wie diese ist, daß ich in Leipzig glüklich seyn werde. Ich traue auf diese sonderbare Ahndung, so wenig ich sonst auf Visionen halte. Etwas freudiges wartet auf mich – doch warum, Ahndung? Ich weiß ja, was auf mich wartet und wen ich da finde? ...

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