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Deutsche Freundesbriefe aus sechs Jahrhunderten

Verschiedene Autoren: Deutsche Freundesbriefe aus sechs Jahrhunderten - Kapitel 174
Quellenangabe
typeletter
authorJulius Zeitler
titleDeutsche Freundesbriefe aus sechs Jahrhunderten
publisherVerlag Julius Zeitler
editorJulius Zeitler
year1909
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
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172. Schiller an Ludwig Ferdinand Huber

M. den 7. Dezember (Dienstag) 84.

Nimmer mehr können Sie mirs verzeihen, meine Werthesten, daß ich auf Ihre freundschaftsvollen Briefe, auf Briefe die so viel Enthousiasmus und Wolwollen gegen mich athmeten, und von den schäzbarsten Zeichen Ihrer Güte begleitet waren, sieben Monate schweigen konnte. Ich gestehe es Ihnen, daß ich den jezigen Brief mit einer Schaamröthe niederschreibe, welche mich vor mir selbst demütigt, und daß ich meine Augen in diesem Moment wie ein faiger vor Ihren Zeichnungen niederschlage, die über meinem Schreibtische hangen, und in dem Augeublik zu leben und mich anzuklagen scheinen. Gewiss meine vortreflichen Freunde und Freundinnen, die Beschämung und die Verlegenheit welche ich gegenwärtig leide, ist Rache genug. Nehmen Sie keine andre mehr. Aber erlauben Sie mir nur einige Worte – nicht, um diese unerhörte Nachläßigkeit zu entschuldigen, nur sie Ihnen einigermaasen begreiflich zu machen.

Ihre Briefe, die mich unbeschreiblich erfreuten, und eine Stunde in meinem Leben auf das angenehmste aufgehellt haben, trafen mich in einer der traurigsten Stimmungen meines Herzens, worüber ich Ihnen in Briefen kein Licht geben kann. Meine damalige Gemüthsfassung war diejenige nicht, worinn man sich solchen Menschen, wie ich Sie mir denke, gern zum erstenmal vors Auge bringt. Ihre schmeichelhafte Meinung von mir war freilich nur eine angenehme Illusion – aber dennoch war ich schwach genug, zu wünschen, daß sie nicht allzuschnell aufhören möchte. Darum, meine Theuersten, behielt ich mir die Antwort auf eine bessere Stunde vor – auf einen Besuch meines Genius, wenn ich einmal, in einer schöneren Laune meines Schiksals, schönern Gefühlen würde geöfnet seyn. Diese Schäferstunden blieben aus, und in einer traurigen Stuffenreihe von Gram und Widerwärtigkeit vertroknete mein Herz für freundschaft und Freude. Unglükfelige Zerstreuungen, deren Andenken mir in diesem Augenblik noch Wunden schlägt, löschten diesen Vorsaz nach und nach in meinem harmvollen Herzen aus. Ein Zufall, ein wehmütiger Abend erinnert mich plözlich wieder an Sie, und mein Vergehen, ich eile an den Schreibtisch, Ihnen, meine lieben, diese schändliche Vergessenheit abzubitten, die ich auf keine Weise aus meinem Herzen mir erklären kann. Wie empfindlich mußte Ihnen der Gedanke seyn, einen Menschen geliebt zu haben, der fähig war, Ihre zuvorkommende Güte so wie ich zu beantworten! Wie mußten Sie sich eine That reuen lassen, die Sie an den undankbarsten auf dem Erdboden verschwendeten! – Aber nein, das letztere bin ich niemals gewesen, und habe schlechterdings keine Anlage, es zu seyn. Wenn Sie nur wenige Funken von der Wärme übrig behielten, die Sie damals gegen mich hegten, so fodre ich Sie auf, mein Herz auf die strengsten Proben zu sezen, und mich diese bisherige Nachläßigkeit auf alle Arten wieder ersezen zu lassen.

Und nun genug von einer Materie, wobei ich eine so nachtheilige Rolle spiele.

Wenn ich Ihnen bekenne, daß Ihre Briefe und Geschenke das angenehmste waren, was mir – vor und nach – in der ganzen Zeit meiner Schriftstellerey wiederfaren ist, daß diese fröliche Erscheinung mich für die mancherley verdrüßlichen Schiksale schadlos hielt, welche in der Jünglings Epoche meines Lebens mich verfolgten, – daß, ich sage nicht zu viel, daß Sie meine Teuersten, es Sich zuzuschreiben haben, wenn ich die Verwünschung meines Dichterberufes, die mein widriges Verhängniß mir schon aus der Seele preßte, zurüknahm, und mich endlich wieder glüklich fühlte – Wenn ich Ihnen dieses sage, so weiß ich, daß Ihre gütige Geständnisse gegen mich Sie nicht gereuen werden. Wenn solche Menschen, solche schöne Seelen den Dichter nicht belohnen, wer thut es denn?

Ich habe nicht ohne Grund gehoft, Sie dieses Jahr noch von Angesicht zu Angesicht zu sehen, weil es im Werke war, dass ich nach Berlin gehen wollte. Die Dazwischenkunft einiger Umstände macht diesen Vorsaz wenigstens für ein Jahr rükgängig, doch könnt es kommen, daß ich auf die Jubilat Messe Leipzig besuchte. Welche süße Momente, wenn ich Sie da treffe, und Ihre wirkliche Gegenwart auch sogar die geringste Freudenerinnerung an Ihre Bilder verdunkelt! Minna und Dora werden es wol geschehen lassen müßen, wenn Sie mich bei meinen neuern poetischen Idealen über einem kleinen Diebstahl an Ihren Umrissen ertappen sollten.

Ich weiß nicht, ob Sie meine Werthesten, nach meinem vergangenen Betragen mich noch der fortsezung Ihres Wohlwollens, und eines fernern Briefwechsels würdig halten können, doch bitte ich Sie mit aller Wärme es zu thun. Nur eine engere Bekanntschaft mit mir und meinem Wesen kann Ihnen vielleicht einige Schatten derjenigen Idee zurückgeben, die Sie einst von mir hegten, und nunmehr unterdrükt haben werden. Ich habe wenig Freuden des Lebens genossen, aber (das ist das stolzeste was ich über mich aussprechen kann) diese wenigen habe ich meinem Herzen zu danken.

Hier erhalten Sie auch etwas Neues von meiner feder, die Ankündigung eines Journals. Auffallen mag es Ihnen immer, daß ich diese Rolle in der Welt spielen will, aber vielleicht söhnt die Sache selbst Sie wieder mit Ihrer Vorstellung aus. Überdem zwingt ja das deutsche Publikum seine Schriftsteller nicht nach dem Zuge des Genius, sondern nach Spekulationen des Handels zu wählen. Ich werde dieser Thalia alle meine Kräfte hingeben, aber das läugne ich nicht, daß ich sie (wenn meine Verfassung mich über Kaufmannsrücksichten hinwegsezte) in einer andern Sphäre würde beschäftigt haben.

Wenn ich nur in einigen Zeilen Ihrer Verzeihung gewiß worden bin, so soll diesem Brief auf das schleunigste ein Zweiter folgen. Frauenzimmer sind sonst unversöhnlicher als wir, also muff ich den Pardon von solchen Händen unterschrieben lesen.

Mit unauslöschlicher Achtung der Ihrige.
Schiller.

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