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Deutsche Freundesbriefe aus sechs Jahrhunderten

Verschiedene Autoren: Deutsche Freundesbriefe aus sechs Jahrhunderten - Kapitel 169
Quellenangabe
typeletter
authorJulius Zeitler
titleDeutsche Freundesbriefe aus sechs Jahrhunderten
publisherVerlag Julius Zeitler
editorJulius Zeitler
year1909
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20140417
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167. Schiller an Georg Fr. Boigeol

1778.

Warum ich Ihnen jetzt erst schreibe? – Mit fleiß hab ichs 3 Tag anstehen lassen, ob sie in dieser Zeit nicht anders werden und ihren Brief verwerfen würden. Ich bitte sie, lesen sie jetzt ihren Brief wieder, was haben sie geschrieben! Verzeihen Sie mir, mein freund, wenn ich nicht das mindeste mit ihren Klagen sympathisire. Sie sind nicht unglücklich und worüber sie sich vielleicht am meisten wundern, Sie haben auch kein Gefühl des Schmerzens, wie könnten Sie so reden? wie könnten Sie auf die lächerlichste Weise in Bildern, Metaphern und Galiamathias von ihren Schmerzen historischerweise reden? wie könnten Sie so in Zehen entgegengesetzte Empfindung hineingerathen, die alle einander widersprechen, bald sind sie demüthig, bald äußerst stolz auf ihre Würde, bald wollen Sie die Menschen fliehen, verfluchen bald Ihnen guts thun, sie segnen; sizen auf das Wort auf das unschuldige Wort in meinem Brief an Jh. dem Boigeol hinauf, dichten Dinge hinzu, an die kein anderer Mensch, am wenigsten ich beim schreiben kam, ist das alles nur ein Ausdruck des Schmerzens? Ists nicht pure kranke Phantasie? lieber Freund, ich bitte Sie lesen Sie nochmals ihren fanatischen Brief und gestehen Sie mir aufrichtig ist er nicht zu verwerfen? Ich kann unmöglich alles erschöpffen,kann nichts sagen als lesen sie ihn selber wieder!

Warum heißen Sie die Menschen Bösewichter? weil sie nicht alle nach ihrem Herzen sind? Oh glauben Sie denn, daß das sein kann? Haben wirs nicht oft miteinander selbst gesagt wie wenig wir unter Ihnen zu suchen hatten? Können wir nicht weise ihre Thorheiten ansehen? Müssen wir denn von Ihnen geliebt werden, wenn wir sie lieben? o ich bitte Sie! – sie kennen ja die Menschen? Haben Sie nicht Ressource in sich genug um darüber hinüber zu sein? Thun sie uns ja nichts Leydes ohne gegebene Ursache, und was sollen sie dann um uns kriechen, da wir niemahls Ihnen eigen werden wollen? Was verzweifelten Sie also? (Aber ich weiß gewiß, es ist nur Phantasie, meine Ueberzeugung sind unnöthig.)

Aber Sie klagen mich an der Gleichgültigkeit, des Stolzes, Hasses gegen Sie! – Ja! mein Freund, sie haben wirklich aus einigen Umständen auf so etwas schließen können und wenn Sie mich nicht geliebt hätten, würden sie solche nicht geachtet haben.

Allein es ist nicht Stolz, nicht Gleichgültigkeit, vielweniger Haß! wie können Sie das denken? allein das muß ich kann ich Ihnen nicht bergen, daß wirklich mein Herz von Ihnen abgewandt wurde. Ich habe traurige Entdeckungen gemacht und in ihrem Brief, da stehen Worte, die mich darin tiefer bestätigt haben. Sie waren mein Freund nicht! in dem hohen Verstand, wie wirs so leicht glaubten zu seyn und es entehrt ihr Herz daß Sie es von mir zu seyn vorgaben. Sagt nicht ihr letzter Brief genug, ich hätte nur darum Freunde damit Sie mir schmeichelten? Sagte nicht ihr voriger Umgang oft oft mit mir das nehmliche? Sagten Sie nicht immer, ich hätte das wahre Gefühl des Herzens nicht, alles sei Phantasie, Poesie, die ich mir durchs lesen Klopstocks angeeignet hätte, ich fühlte Gott nur im Gedicht und die Freundschaft liege nicht in meinem Innersten! Jetzt denken Sie nach! Jetzt schämen Sie sich (ich muß hart mit Ihnen reden und thut mir weh) Sie hielten mich vor das, waren bei sich so zu sagen überzeugt, daß ich bloß Dichter wäre, und ich wills übergehen, wie oft ich das mit schwehrem Herzen von Ihnen weggetragen habe, da ich doch weiß wie ich hier von Ihnen verkannt werde, wie wenig mir Dichternahme gilt, wird gelten in der Stunde des Todes, wo es bloß auf mein Herz ankommt, sie wähnten das von mir, o denken Sie hier erröthend nach, und wollten mich doch zum Freund? – – Zum Freund, wo alles das was ich meinen Stolz in ihren Augen nannte nichts, wo das Wahre nur im Herzen besteht, das sie mir absprechen, und wollten mich doch zum Freund? – O ich will abbrechen von dieser Betrachtung um Ihnen nicht wahre Ursache zur Schwermuth zu geben Boigeol! Wenn ich den letzten Athem ziehe, wenn ich vorgefordert bin, vor den Allgegenwärtigen Richter, werd ich so bestehen können, so wie sie mich wähnen – aber ich will ihn dann fragen, ihn den allgegenwärtigen, da soll nichts seyn zwischen meinem Herzen und der beschuldigten Heuchelung, zwischen ihnen und mir! Ich bin viel anders worden, als Sie mich kannten – und sehr verändert Ihr Freund zu seyn, warlich wenn sie nach Lesen dieses Briefes nicht anders von mir denken und von meinem Herzen – müßte ihnen das zu schwerem Fluch gereichen, daß sie sich jehmals meinen Freund nannten! Verzeyhen Sie mir diese scharfe Rede! Ich hoffe sie sollte sie nicht treffen! Was reden Sie so hart wider mich, als den stolzesten, schändlichsten Verlezer der heiligen Freundschaft? War ich Ihnen dann schon so innig verbunden, daß ich nicht noch Freiheit (Freiheit der unsterblichen Seele, mit der ich zwischen Seyn und Nichtseyn unterscheiden kann), daß ich nicht noch Gewalt besaß einen Wegsprung zu machen und er ist nicht hart dieser Sprung! er ist nicht ungerecht, und viel weniger Stolz!–wenn ich das nicht an Ihnen gefunden was mein Herz suchte, wenn ich so mißhandelt worden bin nicht mit Kleinigkeiten, sondern mit Thaten die die unsterbliche Seele foltern, Gott vergebe uns beiden! – wenn ich eine bessere Wahl getroffen habe, einen höhern Freund an dem mirs nun nimmer fehlen wird für und für, bin ich dann ein Bösewicht, daß ich diesen Schritt gethan habe! – o denken Sie jetzt nicht hart von mir, entheiligen Sie meinen Vorsatz und Ihre unsterbliche Seele nicht – Es wird Ihnen sonst einst bitter vorgeworffen werden! – Mein lieber immer geliebter (denn dieser Freund gebeut mir sie zu lieben in Ewigkeit), es kommt bei der Freundschafft auf alle Kleinigkeiten – in den Augen der Welt Kleinigkeiten an! Und wie sehr sind wir hierin verschieden? wie viel Ungleichheit der Seelen! wie näher müßten wir uns nähern, wenn wir Freunde sein sollten, alles vorige weggerechnet, Ihre Art des Studirens gefiel mir nie; wenn wir Bücher zusammen lasen, waren wir selten einer Empfindung, sehr mannichfaltig, ihr Vortrag, wenn Sie mir meine Fehler, meine Eigenliebe, meinen Stolz, kurz meine Laster (die ich sehr wohl erkenne und bei Gott bereue) vorwarffen, ihr Vortrag dabei hatte das herzliche, edle trauliche nicht, und sehr oft bemerkte ich, daß Sie nur in der Hize mit Vorwürfen herausplatzten, die Sie mir – ist das Freundschaft? – sonst verschwiegen. Nie hatten Sie das edle freye Zutrauen zu mir, wie sichs dem Freunde gebührt, lauter Gründe die mich in den Augen des Weisesten, Gerechtesten entschuldigen, daß ich so und nicht anders gehandelt habe! – –

Aber genug mein Lieber! – wir wollen einander unsere Herzen nicht quälen, vielleicht sind wir in einer besseren Welt uns gleicher als hier und dann werden unsere Arme offen seyn zu freundlicher Umarmung, wir gehen beyde einem letzten Ziele entgegen, und und an diesem Ziele, wann wir uns freudiger wiedersehen sollten! – – –

Lieben Sie mich – oder! hassen Sie mich nicht! Ich bin ein Jüngling von seinerem Stoff als viele und selten traf ich das rechte Ziel, oft, oft gleitete ich neben aus, wie im vorigen Falle, aber hier – hier hab ich das rechte Ziel, Gott wird mit mir seyn und mich führen! –

Leben Sie wohl! – – Ich wills in Ihrem Angesicht lesen und Sie nicht fragen, ob wir wollen uns unsere etliche Jahre wo wir noch so zu leiden haben, nicht verbittern.

Leben Sie noch einmal wohl!

Ich weiß nicht ob das Antwort genug ist auf Ihren Brief, aber der Brief ist doch wichtig, daß Sie ihn wohl lesen dürfen.

Leben Sie wohl mein Lieber!

Schiller.

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