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Deutsche Freundesbriefe aus sechs Jahrhunderten

Verschiedene Autoren: Deutsche Freundesbriefe aus sechs Jahrhunderten - Kapitel 168
Quellenangabe
typeletter
authorJulius Zeitler
titleDeutsche Freundesbriefe aus sechs Jahrhunderten
publisherVerlag Julius Zeitler
editorJulius Zeitler
year1909
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20140417
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166. Friedrich Schiller an Friedrich Scharffenstein

[1778?]

Ich habe nicht bös an Dir gehandelt, wie Du mein Herz anklagst. Es ist rein, heiter, hat bei Deinem Zettel keinen Antheil gefunden, hab nicht erröthen, nicht weinen, nicht beben dürfen, denn es ist rein, ohne Falsch und Trug, darum kann ich izt kluge, ernsthafte, aufrichtige Worte reden.

Wahr ists, ich pries Dich in meinen Gedichten zu sehr! Wahr! sehr wahr! Der Sanpir, den ich so liebe, war nur in meinem Herzen. Gott im Himmel weiß es, wie er darin geboren wurd; aber er war nur in meinem Herzen und ich betete ihn an in Dir, seinem ungleichen Abbilde! Dafür wird Gott mich nicht strafen, denn ich fehlte nur aus Liebe, nicht aus Thorheit und falschem Sinn! Gott weiß, ich vergaß alles, alle andere neben Dir! ich schwoll neben Dir, denn ich war stolz auf Deine Freundschaft, nicht um mich im Aug der Menschen dadurch erhoben zu sehen, sondern im Aug einer höhern Welt, nach der mein Herz mir so glühte, welche mir zuzurufen schien: das ist der einige, den Du lieben kannst, ich schwoll, wie ich sage, in Deiner Gegenwart, und doch war ich nie so sehr gedemüthigt, als wenn ich Dich ansah, Dich reden hörte, Dich fühlen sah, was Dir die Sprache versagte, da fühlt ich mich kleiner als sonst überall, da that ich auch Wünsch an Gott, mich Dir gleich zu machen! Scharffenstein! er ist bei uns, er hört dieses und richte, wenns nicht an dem so ist! es ist, so wahr meine Seele lebt. Es kostet Dich wenig Müh, Dich zu erinnern, wie ich in diesem Vorschmak der seeligen Zeit nichts als Freundschaft athmete, wie alles alles selbst meine Gedichte vom Gefühle der Freundschaft belebendigt wurden, Gott im Himmel mög es Dir vergeben, wenn Du so undankbar, unedel seyn kannst, das zu verkennen.

Und was war das Band unserer Freundschaft? war es Eigenuz? (ich rede hier auf meiner Seite, denn ich kanns, weiß Gott, von Dir nicht ganz bestimmen) war es Leichtsinn? war es Thorheit, wars ein irdisches gemeines, oder ein höheres unsterbliches himmlisches Band! Rede! Rede! o eine Freundschaft wie diese errichtet hätte die Ewigkeit durchwähren können! – Rede! rede aufrichtig! wo hättest Du einen andern gefunden, der Dir nachfühlte, was wir in der stillen Sternennacht vor meinem Fenster, oder auf dem Abendspaziergang mit Bliken uns sagten! Gehe alle alle die um Dich sind durch, wo hättest Du einen finden können, als Deinen Schiller, wo ich einen von Tausenden, der mir das wäre, was Du mir – hättest seyn können! Glaube, glaube, unverhohlen, wir waren die einige, die uns glichen, glaube mir, unsere Freundschaft hätte den herrlichsten Schimmer des Himmels, den schönsten und mächtigsten Grund, und weißagte uns beiden nicht anderes, als einen Himmel; Wärest Du oder ich zehenmal gestorben, der Tod sollte uns keine Stunde abgewuchert haben, – – was hätte das für eine Freundschaft seyn können! – und nun! nun! – wie ist das zugegangen? Wie ists so weit gekommen?

Ja ich bin kaltsinnig worden! – – Gott weiß es – denn ich bin Selim geblieben, aber Sangir war dahin! darum bin ich kaltsinnig worden – versteh mich aber wohl in Euren Augen, aber die Unruhe, der Drang meiner Seele, der mich lange lange hin und her warf, ist gestillet und ich habe Ruhe und Empfindsamkeit und eine mächtige Stüze gefunden und bin gegen Dich kaltsinnig geworden!

Warum aber, weiß ich wohl wirst Du mich fragen, warum bist Du kälter geworden? höre, Scharffenstein, Gott ist da, Gott hört mich und Dich, Gott richte! Meinst Du es war Prahlerey, Phantasey, meinst ich hätte Dich darum erwählt, um Einen zu haben, von dem ich in meinen Gedichten plaudern könne! Hör Elender, wende Dein Angesicht ewig zur Erde, wenn er noch einmal in Dir aufsteigt der schändliche Gedanke! den Du doch in Deinem Zettel äußertest! Gedenkst Du noch an die Stunde unserer Verbindung? Was ist das für ein unsinniges Geschwäz mit Deinen Guten Morgen etc. Solltest mich nicht beim ersten Umgang anders kennen gelernt haben? In der That sag ich Dir, wenn noch etwas in Dir zurückblieben ist von der Freundschaft, die wir uns schwuhren, so wär das ein Beweis davon, daß Du mich auf diese Art von meinen anderen Kameraden unterschiedest, denn ich denke das nemliche von dem leeren Gruß:

Aber zur Hauptsach! warum ich kaltsinnig worden? weil ich Dich liebte, weil ich Dein Freund war, und sah – daß Du es nicht von mir warst; – faßt Dich der Gedanke, Du warst nicht mein Freund! Du hättest Achtung vor mir haben müssen wie ich vor Dir; denn wenn man eines Freund ist, muß man in ihm Eigenschaften verehren, die ihn verehrungswerth machen, aber aber – möge das Dein Herz nicht treffen wie der Donnerschlag – Du hast nichts auf mich gehalten, die Eigenschaften, die das Wesen des Freundes ausmachen, in mir nicht gefunden. Du hast meine Fehler, für die ich doch täglich Reue und Leid fühle, lächerlich. Dich darüber lustig gemacht und da es Deine Freundschaftspflicht gewesen wär, mir in Liebe und Kälte solche zu rügen, mir verhehlt, hast mir sie nur im Zorn vorgeworfen, Pfui! Pfui! der schändlichen Seele! – war das Freundschaft oder wars Trug, Falschheit? – Sieh hier hab ich Klage auf Klage gehäuft; aber ich wills verantworten, will Dir hernach alles vor Augen bewiesen hinlegen, sieh nur daraus, wie wenig Achtung, Liebe Du für mich hegtest, wie klein Du mein Herz gefunden; konntest Du so mein Freund seyn? konntest Du den lieben, der so viel lächerliches etc. an sich hat? – oder wolltest Du den Namen Freundschaft borgen? – oder hattest Du wirklich im Sinne, mich zu bessern – ah! pfui! des betrogenen, blinden Seelenkenners: Du hast den Weg verfehlt, Seelen zu bessern! – – So greift mans nicht an!

Du hast nichts auf mich gehalten! – wie oft (aber immer nur, wenn Du in Zorn geriethst, sonst heucheltest Du Achtung und Bewunderung,) wie oft, wie oft hab ichs hören müssen von Dir und den Boigeol, bitter, bitter, wie mein ganzes Wesen eben ein Gedicht sey, wie meine Empfindung vorgegebene Empfindung. Von Gott, Religion, Freundschaft etc. Phantasey kurz alles blos vom Dichter nicht vom Christen, nicht vom Freund herausgequollen – oh weh, o weh, was das mein Herz angriff, und ihr habts gesagt, Gott weiß es, Gott zeug es, gesagt habt ihrs, o mit den trügenden Zügen, mit der ernstesten Miene – o weh! o weh! und wie schmerzt mich das von euch! – von Dir!

Erinnerst Du Dich noch, wenn mir ein Buch nicht gefallen wollte, ein Gedicht oder so was z. B. Amynt von Kleist, was Du da sagtest: »Es sey freilich kein Schwung darin (das sagtest Du aber nur im Zorn, sonst hättest Du mirs verschwiegen) keine Bilder, aber Gefühl, anderes Gefühl, als in meinen Gedichten, es sey nicht ausgericht mit meiner Mahlerei, herz sollt ich haben oder dergl.« Warlich so sagtest Du. Und nun schau in Dein innerstes mein Scharffenstein – sieh! ich kann diesen Ausruf nicht mehr unterdrücken. – schau gen Himmel, fest, starr gen Himmel, wo eigentlich nur unserer Freundschaft Auge sehen sollte, schau hinaus und frage: hab ich recht gethan; hab ich aufrichtig gehandelt, daß ich den zum Freund erkohr oder vorgab, dem das Wesentliche der Freundschaft, volles Herz, mangle; dessen Gefühl nur in der Feder liege oder noch frisch im Gedächtniß behalte beim Lesung Klopstoks, o Gott vergebe Dir dieß. Du hast Dich hier an Deines Selim Herzen versündigt. Freilich hab ich Klopstok viel zu danken, aber es hat sich tief in meine Seele gesenkt und ist zu meinem nahen Gefühl, Eigenthum worden, was wahr ist, was mich trösten kann im Tode!

Ferner. Du hast Dich über meine Laster lustig gemacht! Du kanntest meine Eigenliebe. – Lieber himmlischer Vater, ich erkenn dieses Laster als eines der schändlichsten, wurzle mirs aus dem Herzen lieber himmlischer Vater, ich erkenns, bereus! – und Du kanntest meine Eigenliebe – und nun laß vorm Angesicht des Nahen Dir sagen: – Du hast Dich drüber lustig gemacht – Du mein Freund vor den Leuten mich beschämt. Du der mir in der Stille verborgen, verschwiegen hat! wie oft, das will ich nur noch nebenher sagen, hast Du mir meine Gedichte feurig bewundert, wie oft bis in Himmel meinen Geist erhoben, wie oft wenn wir zusammensaßen auf meinem Bette ganz erstaunungsvoll meinem thörichten Eigenlob zugehört, nichts gesagt, als wenn dirs im Eifer herausplazte, oder dem Boigeol ins Ohr gedißelt und hast mich doch nie getadelt, auch bei dem tadelhaftesten. Wolltest mir Du meine Eigenliebe befriedigen? – – Zurük ich schäme mich, jemals der Freund eines solchen gewesen zu seyn! Denkst Du auch noch an das, wie wir einst unter vielen an Gebels Bette standen, wie Du mich batest, mich mit Dir zu messen ( p. parenthes. muß ich auch noch sagen, daß mir auch das mißfiel. Du sahst ja, mußtest sehen, mit wie viel Sckmerz und Zwang und Ungern ich Dir willfuhr, denn eben damals war mir von Haus etwas zugestoßen und hast schon oft mir diese Mühe gemacht, ohne Nothwendigkeit) also sagt ich, ich maß mich mit Dir und da gabst Du Dein Erstaunen vor den Ohren einiger mit einem bösen Lächeln also zu erkennen: Er wächst an Körper und Geist! (und indem Du Dich zu mir wandtest,) Ein ganzer Kerl! – – oh sahst Du auch, wie ich damals erröthete, sahst Du nichts mehr? Da Du mich hinstelltest, meine Eigenliebe vor allen auszuhöhnen und ich da stand, Gott mit welcher Empfindung, Gott weiß, es war mir leid um meinen großen Fehler der Eigenliebe, aber dieser Hohn, dieser Augenblik – – von Dir – vor den Augen – o ich konnte nicht weinen, ich mußte mich wegwenden, eher Zernichtung, als noch so einen Augenblick von Dir – mög diese Träne nicht heiß auf Deine Seele fallen! Auch äußertest Du einem Freunde, mich bald in der Rangierung neben Dir zu sehen. – Verzeih mirs Scharff: wenn ich in diesem Augenblik von Gott das Gegentheil erbeten mußte, und es gab Augenblike, wo es mein einziges Sehnen war an Dich hin zu stehen zu kommen! Hör Scharffenstein, Gott weiß es, Gott hör es, Gott richte, wenn ich falsch geredet, ich würde Dich nicht quälen, wenns nicht aus meinem Herzen herausmüßte! Auch will ich nur noch berühren, wie sehr Du mein Herz geplagt, da Du Dich so an den Grub gemacht hast. Du weißt und solltest konntest auch wohl wissen, warum ich auf den Menschen nichts halte, er ist böses Herzens und kleinen Herzens! – Sollte er Dein Freund sein, der, den viele meiner Cameraden fliehen, der ist an der Seite dessen, der mein Einziger seyn will? Mein Einziger geht an der Seite meines Verhaßten? Sieh also aus dem allem, daß mein Herz ohne Trug ist, wie Du nicht glaubtest! Ich wählte Dich zu meinem Freunde, weil Du klüger, erfahrener, gesezter bist als ich, weil Du meinem Herzens-Gefühl Dich am meisten, ganz genähert hast, gleichkommen bist, weil ich sonst keinen Freund habe! – Das hab ich Dir auch gesagt in der Stiftungsstunde! hast Du's erfüllt, hast Du's erkannt? Scharff: Der Herr ist da, der Herr stehts, Er sey Richter zwischen mir und Dir!

Und nun will ich des Briefs ein Ende machen. Ich bin nicht verlassen. Sieh ich hab eine Quelle gefunden, die mein Herze vollmacht und seegnet, einen großen großen herrlichen Freund, und darum vergeb ich Dir – vergeb ich Dir – vergeb ich Dir – so wahr mir Gott vergebe im lezten Zuken des Todes, vergeb ich Dir alles, will Dir Gutes thun für und für, aber ich werde lang mein Angesicht wegwenden müssen von meinem Scharffenstein, um Tränen zu verbergen! – Ich sag noch mahl ich vergebe Dir; Sieh, eben hab ich in der Bibel das Leben Davids gelesen. Er und Jonathan liebten sich wie mein Selim und Sangir, ich werde auch im Himmel von Ihnen geliebt werden, weil ich sie liebe! – Es hat edle Freunde in der Welt gegeben! – und ich suchte mir einen für die Unsterblichkeit – – – Aber im Himmel werd ich ja edle Herzen finden. Leyd ist mirs, daß ich die liebe Strophe in meinem Selim und Sangir lügen strafen mußte:

Sangir liebte seinen Selim zärtlich
Wie Du mich mein Scharffenstein
Selim liebte seinen Sangir zärtlich
Wie ich Dich mein lieber Scharffenstein!

Schiller.

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