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Deutsche Freundesbriefe aus sechs Jahrhunderten

Verschiedene Autoren: Deutsche Freundesbriefe aus sechs Jahrhunderten - Kapitel 158
Quellenangabe
typeletter
authorJulius Zeitler
titleDeutsche Freundesbriefe aus sechs Jahrhunderten
publisherVerlag Julius Zeitler
editorJulius Zeitler
year1909
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20140417
projectid5cbef5e6
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156. Goethe an Kestner

Da hab ich deinen Brief, Kestner! An einem fremden Pult, in eines Mahlers Stube, denn gestern fing ich an in Oehl zu malen, habe deinen Brief und muss dir zurufen Danck! Danck lieber! Du bist immer der Gute! – O könnt ich dir an Hals springen, mich zu Lottens Füssen werfen, Eine, Eine Minute, und all all das sollte getilgt, erklärt seyn was ich mit Büchern Papier nicht aufschliessen könnte! – O ihr Ungläubigen würd ich ausrufen! Ihr Kleingläubigen! – Könntet ihr den tausendsten Theil fühlen, was Werther tausend Herzen ist, ihr würdet die Unkosten nicht berechnen die ihr dazu hergebt! Da lies ein Blättgen, und sende mirs heilig wieder wie dus hier drinn hast. – Du schickst mir Hennigs Brief, er klagt mich nicht an, er entschuldigt mich. Bruder lieber Kestner! Wollt ihr warten so wird euch geholfen. Ich wollt um meines eignen Lebens Gefahr willen Werthern nicht zurückrufen, und glaub mir, glaub an mich, deine Besorgnisse deine Gravamina, schwinden wie Gespenster der Nacht wenn du Geduld hast, und dann – binnen hier und einem Jahr versprech ich euch auf die lieblichste, einzigste, innigste Weise alles was noch übrig seyn mögte von Verdacht, Missdeutung pp. im schwäzzenden Publikum, obgleich das eine Heerd Schwein ist, auszulöschen, wie ein reiner Nordwind Nebel und Dufft. – Werther muss – muss seyn! – Ihr fühlt ihn nicht, ihr fühlt nur mich und euch, und was ihr angeklebt heisst – und truz euch – und andern – eingewoben ist – Wenn ich noch lebe, so bist dus dem ichs danke – bist also nicht Albert – Und also –

Gib Lotten eine Hand ganz warm von mir, und sag ihr: Ihren Nahmen von tausend heiligen Lippen mit Ehrfurcht ausgesprochen zu wissen, sey doch ein Aequivalent gegen Besorgnisse, die einem kaum ohne alles andere im gemeinen Leben, da man jeder Base ausgesetzt ist, lange verbriefen würden.

Wenn ihr brav seyd und nicht an mir nagt; so schick ich euch Briefe, Laute, Seufzer nach Werthern, und wenn ihr Glauben habt so glaubt dass alles wohl seyn wird, und Geschwäzz nichts ist, und beherzige deines Philosophen Brief – den ich geküsst habe.

– O du! – hast nicht gefühlt wie der Mensch dich umfasst dich tröstet – und in deinem in Lottens Werth Trost genug findet, gegen das Elend das schon euch in der Dichtung schröckt. Lotte leb wohl – Kestner du – habt mich lieb – und nagt mich nicht –

G.

Das Billet keinem Menschen gezeigt! unter euch beyden. Sonst niemand sähe das! – Adieu ihr lieben! Küsse mit Kestner deine Frau und meinen Pathen.

Und mein Versprechen bedenckt. Ich allein kann erfinden, was euch völlig ausser aller Rede sezt, ausser dem Windgen Argwohn. Ich Habs in meiner Gewalt, noch ists zu früh! Grüss deinen Hennigs ganz herzlich von mir.

Ein Mädgen sagt mir gestern, ich glaubte nicht dass Lotte so ein schöner Name wäre! er klingt so ganz eigen in dem Werther.

Eine andre schrieb neulich: Ich bitt euch um Gotteswillen, heißt mich nicht mehr Lotte, – Lottgen, oder Lolo – wie ihr wollt – Nur nicht Lotte bis ich des Nahmens werther werde denn ichs bin.

O Zauberkraft der Lieb und Freundschafft.

Zimmermanns Billet nächstens. Es ist kalt ich kanns nicht droben suchen. Heut gehts aufs Eis ihr Lieben Ade.

[Frankfurt] d. 21. Nov. 1774.

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