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Deutsche Freundesbriefe aus sechs Jahrhunderten

Verschiedene Autoren: Deutsche Freundesbriefe aus sechs Jahrhunderten - Kapitel 157
Quellenangabe
typeletter
authorJulius Zeitler
titleDeutsche Freundesbriefe aus sechs Jahrhunderten
publisherVerlag Julius Zeitler
editorJulius Zeitler
year1909
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20140417
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155. F. H. Jacobi an Goethe

den 6ten November 1774.

Lieber Göthe, da hast Du Deinen Prometheus zurück, und meinen besten Dank dabey. Kaum mag ich Dir sagen, daß dies Drama mich gefreut hat, weil es mir unmöglich ist dir zu sagen, wie sehr.

Ich existiere itzt blos in dem Gedanken bald zu Frankfurt zu seyn. Alsdann soll dir, in dieser oder jener Stunde, erzählt werden, in was für Feßeln man mir, von Kindesbeinen an, Geist und Herz geschmiedet; wie man alles angewendet, meine Kräfte zu zerstreuen, meine Seele zu verbiegen. Dennoch ward mir viel von meiner Beylage bewahrt, und drum weiß ich, an wen ich glaube. Der einzigen Stimme meines eigenen Herzens horch ich. Diese zu vernehmen, zu unterscheiden, zu verstehen, ist mir Weisheit; ihr muthig zu folgen Tugend. So bin ich frey; und wie viel köstlicher als die Behaglichkeiten der Ruhe, der Sicherheit, der Heiligkeit ist nicht die Wonne der Freiheit!

Seit vielen Tagen hab' ich mich sehr übel befunden. Alle meine Lebensgeister waren verblüfft. Ich würde einen Zauberstab, den man mir gereichet, zerbrochen und unter die Füße getreten haben, weil mir vor dem bloßen Gedanken eines unbegrenzten Vermögens eckelte, indem ich nichts zu verrichten gewußt hätte, was mir hätte Freude machen können. So war mir noch heute den ganzen Morgen, aber seit einer Stunde ist mir beßer, und drum komm ich geschwind und sage: Grüß dich Gott, lieber Göthe!

Mich verdrießt, das ich das neu eröfnete Puppenspiel noch nicht habe. Meiner indifferentistischen Milzsucht ungeachtet verlangt' ich, daß es hier sey, und schickte meinen Bedienten auf die Lauer aller Postwägen, die mit Frankfurt in Verbindung stehen; aber er kam immer nach Hause mit einem verzweifelten: er hat nicks mit bracht. Nun hetzt einen das, wie du weißt ganz verteufelt. Ich werde den Kerl nicht wieder heißen aufs Posthaus gehen; aber du wirst sehen, diesen Abend thut ers von selbst, und kommt dann mit Trim-schen Anstand: »ich war auch auf dem Müllheimer Wagen, er hat nicks mit bracht.

Leb wohl, Lieber, und sieh zuweilen den Mayn drauf an, daß er in den Rhein geht, und bey Cölln und Düsseldorf vorbeyfließt.

J.

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