Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Verschiedene Autoren >

Deutsche Freundesbriefe aus sechs Jahrhunderten

Verschiedene Autoren: Deutsche Freundesbriefe aus sechs Jahrhunderten - Kapitel 140
Quellenangabe
typeletter
authorJulius Zeitler
titleDeutsche Freundesbriefe aus sechs Jahrhunderten
publisherVerlag Julius Zeitler
editorJulius Zeitler
year1909
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20140417
projectid5cbef5e6
Schließen

Navigation:

138. Goethe an Behrisch

[Leipzig, 13. Oktober 1767.]

Noch so eine Nacht, wie diese, Behrisch, und ich komme für alle meine Sünden nicht in die Hölle. Du magst ruhig geschlafen haben, aber ein eifersüchtiger Liebhaber, der ebensoviel Champagner getrunken hatte, als er brauchte um sein Blut in eine angenehme Hitze zu setzen und seine Einbildungskraft aufs äußerste zu entzünden! Erst könnt ich nicht schlafen, wälzte mich im Bette, sprang auf, raßte; und dann ward ich müde und schlief ein; aber wie lange, da hatte ich dumme Träume von langen Leuten, Federhüten, Tobackspfeifen, Tours d'adresse, Tours de passe passe, und darüber wachte ich auf, und gab alles zum Teufel. Darnach hatte ich eine ruhige Stunde, hübsche Träume. Die gewöhnlichen Minen, die Winke an der Tühre, die Küsse im Vorbeyfliegen, und dann auf einmal, Ft. Da hatte sie mich in einen Sack gesteckt. Ein rechter Taschenspielerstreich. Meerschweingen hext man wohl vorm Peters tohre hinein, aber einen Menschen wie mich das ist unerhört. Aber so unwahrscheinlich es mir vorkam, so wahr fühlte ich es. Ich philosophirte im Sacke und jammerte ein duzend Allegorien im Geschmack von Schäkespear wenn er reimt. Darnach schien mirs als wenn ich weg wäre, weg von ihr, aber nicht aus dem Sacke, ich wünschte mich in Freiheit und wachte auf. Der verfluchte Sack lag mir im Kopfe. Da kam mirs auf einmal ein, daß ich dich nicht wiedersehen würde (denn das hatte ich mir fest vorgenommen und binn es noch halb schlüssig) und das fühlte ich, in einem Augenblick, da ich dem Teufel nicht 6 Pfennige gegeben hätte meine kleine aus seinen Krallen zu kaufen, in einem Fieberparoxismus da mir der Kopf taumelicht war. Ich riß mein Bett durch einander, verzehrte ein Stückgen Schnupftuch und schlief biß 8 auf den Trümmern meines Bettpalastes. Das hieß recht wie bey einer Henckermahlzeit, der Teufel geseegne es euch. Sonst ist mir alles wohlbekommen, außer die Dosis Taschenspielerkünste, wofür Sie sich beym Meister in meinen Nahmen abfinden können. Thu es immer Behrisch und räche mich und dich. Ich will weise seyn, das heißt bei einem Liebhaber stille seyn, es ist eine neue Aquisition zur Pistolen Sammlung die ich diese Messe angefangen habe. Denn ein Schmollen ein Lärm würde mich nichts helfen! Sie hat solche maulstopfende Redensarten die du kennst, und da bleibt der Ankläger wie ein benêt stehen wenn Sie ihm so was zu genießen giebst. Sage du ihr immer auch was, alles was du gestern zu mir sagtest, gebe ihr deutlich zu verstehen, daß du ihre Liebe zu mir so mittelmäßig glaubest als die Freundschaft zu dir. Sie wird tolle werden, denn sie weiß daß du sehr tonum persuadendi über mich hast. Ja apropos wann willst du hinunter gehen. Ich werde nicht unten seyn, denn eine gewisse Art von Kälte kann auf diese und die nächsten Tage nicht schaden, und wenn sie sich übermorgen drüber beklagt, so schiebe ich die Schuld auf's Wetter.

Lebe also wohl und komme im Kohte nicht um. Wolltest du mich vor deiner Abreise noch einmal sehen, so komme um 5. 6. zu mir, aber NB. nach der Affaire von unten.

Da hast du Annetten. Es ist ein verwünschtes Mädgen. Der Sack! Der Sack!

*

 << Kapitel 139  Kapitel 141 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.