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Deutsche Freundesbriefe aus sechs Jahrhunderten

Verschiedene Autoren: Deutsche Freundesbriefe aus sechs Jahrhunderten - Kapitel 136
Quellenangabe
typeletter
authorJulius Zeitler
titleDeutsche Freundesbriefe aus sechs Jahrhunderten
publisherVerlag Julius Zeitler
editorJulius Zeitler
year1909
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
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134. Lenz an Herder

(Straßburg) den 28. August (1775).

Herder – und es ward das Wort des Herrn zu mir, es ist Herder. – Kein Mensch hat mir, Vater! etwas Deiner Geschichte erzählt gehabt. – Jtzt steh in die »Wolken« – aber Dich, Dich, ich schwörs bei dem, der oben herrscht, hab' ich immer im Busen gehabt dabei – wenn Herder lieben sollte, freien sollte, müßts ihm so sein. Und wie heilig wäre mir die Scene mit dem Baum, wenn die Wünschelruthe des Dichters historische Wahrheit entblößt haben sollte.

Nimm hier meinen Dank. Am meisten für die Belehrungen. Ach ich bin in einer fürchterlichen, grausen Einöde lange gewesen. Kein Laut überall edler Empfindung, die aus dem Herzen kommt, die nicht Wiederhall ist. Und mit den Guten, die ich immer die Großen nenne, dürft' ich noch nicht anbinden. Kann auch, wenn das Gefühl meines Unwerths mich nun verließe, nach meinem Beruf nicht. Das wirst Du wohl einsehn, großer, göttlicher der Männer. Ich webe und wühle unter den elenden Hunden, um was aus ihnen zu machen. Daß Aristophanes' Seele nicht vergeblich in mich gefahren sei, der ein Schwein und doch bieder war! Du sollst auch die erste Abschrift meiner »Wolken« bekommen, über welche sich wohl das Blatt umkehren und ich von Sokrates vergiftet werden könnte.

Du hast meine »Soldaten«. Ein Wörtlein Deines Gefühls darüber, zur Stärkung auf der langen, dreijährigen, einsamen Reise, die ich mit einem Juden machen werde! Das ist nach dem strengsten Verstand wahre Geschichte, in den innersten Tiefen meiner Seele aufempfunden und geweissagt. Aber so hoffe ich, maskirt, daß das Urbild selber, das nun kein Herder ist, sich nimmer wieder darin erkennen wird.

Was für Sümpfe habe ich noch zu durchwaten! Wenn wird die Zeit kommen, da ich Dich von Angesicht sehen werde, Herr der Herrlichkeit – in Deinen Erwählten! Ach so lange ausgeschlossen, unstet, einsam und unruhvoll! Den ausgestreckten Armen grauer Eltern, all' meinen lieben Geschwistern entrissen, meinen edelsten Freunden ein Räthsel, mir selbst ein Exempel der Gerichte Gottes, der nie unrecht richtet, und selbst wenn er züchtigt, einen Heraufblick zu ihm erlaubt. Das hatte ich um Sokrates verdient. – Bedaure mich, Herder, und liebe mich.

Wie kann ich Dich loslassen? Du, der mir zum Trost in diese Einsamkeit herabgesandt worden, mir ein paar Tropfen himmlischer Stärkung zu geben. Schick' mir Dein Gesicht, Deiner Frauen Gesicht! – Ach, wie ich meinen »Menoza« aus dem Innersten meines Schranks wieder hervorlangte und Gott dankte! Denn ich war muthlos, daß ich ihn geschrieben, und er nicht erkannt worden war. Auch Fromme wenden ihr Antlitz von mir, dacht' ich. Ich verabscheue die Scene nach der Hochzeitsnacht. Wie könnt' ich Schwein sie auch malen! Ich, der stinkende Athem des Volks, der sich nie in eine Sphäre der Herrlichkeit zu erheben wagen darf. Doch soll mirs ein Wink sein. – O ja, auch ich werde mein Haupt aufheben. Daß Du im »Coriolan« eben die Scene aufnimmst, die ich gestern der Königin übersetzt, über die ich seit drei Tagen brüte! Es ist, als ob Coriolan bei jedem Wort, das er widers Volk sagte, auf mich schimpfte – und doch kann ich ihn ganz fühlen, und all seinen Grundsätzen entgegen handeln. Worthy voices – das Wort des Herrn, das höchste Ziel alles meines Strebens – ach worthy voices, und es waren doch Philister, aber der Gott hatte sie gezwungen. Sieh das, das – mein Herder!

Laßt mich an Eurem Busen sinken. Erste der Menschen, laßt mich von Eurem Ambrosia schlürfen – ach sehn, sehn eine Scene der Liebe, wie sie mein Geist nicht ahnden konnte – denn er hatte noch kein Vorbild gesehn. Jetzt ahnd' ich sie besser, aber schweige – schweige bis zur großen ehrenvollen Zeit, da ich reden werde zum Volk von den Edlen, die unter ihm wandeln, die sein todtes Auge nicht sehen kann, da ich in ein himmlisches Band sie ziehn und ihm darstellen – stille!

Niemanden was davon. Ich muß Dich und Dein Weib einmal sehn. O ich Hab' all ihre Briefe an ihre Freundin aufgehascht. Welche Jagd! Gott mache mich der Offenbarung würdig!

Ich werde nicht sterben, sondern leben und des Herrn Werk verkündigen.

J. M. R. Lenz.

Ich befehle Dir, den ich anbete, daß Du mir Dein und Deiner Frau und Deines Sohns Gesicht schickest – denn ich brauche sie.

*

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