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Deutsche Freundesbriefe aus sechs Jahrhunderten

Verschiedene Autoren: Deutsche Freundesbriefe aus sechs Jahrhunderten - Kapitel 130
Quellenangabe
typeletter
authorJulius Zeitler
titleDeutsche Freundesbriefe aus sechs Jahrhunderten
publisherVerlag Julius Zeitler
editorJulius Zeitler
year1909
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
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128. F. M. Klinger und J. M. Miller an Kayser

(M.) Zwey Barden und Ritter, Namens F. M. Klinger u. J. M. Miller p. T. in Gießen sich aufhaltende an den Mann vesten, ehrsamen und laut seines Porträts sehr Ehrwürdigen Herrn Herrn Philipsen Kayser Dichter (K.) Musicus, bald im Olymp, bald unter niedern Würmern sein Wesen habend (M.) auch sehr edlen und zärtlichen Freund, der uns nah am Herzen liegt, und daß wir aus Ritterproben wissen und gemerkt haben.

(M.) Die ungeheure Hundstagshitze erlaubt uns nicht, wie wir wol anfangs willens waren, unsre weltberühmte Poetische Ader schlagen zu lassen und (K.) Euch in dem Epistelston zu antworten, der uns so wohl behagte. Angefangen haben wir zwar und das mit ziemlicher Lauge und Bitterkeit, da aber nun das Coordium fertig ist (M.) und wir die vorige und einige vorhergegangene Nächte auf der bewußten Schulzischen Pferdedecke sehr viel ausgestanden haben, so ... (K.) Ta da beym Teufel ihr Volks lermt nicht! Kayser, ich bitt Dich, wie viel Uhr ists! Wir sind zum Schmauß gebeten und wackere Ritter versäumen ungern, wo die Taffel so aussieht. Hier eine Tafel eingezeichnet. (M.) Das Auditorium ist für Gießen würklich viel zu groß und die Pferde nach Marburg haben wir auf Morgen auch nicht bekommen können – die verhenkerte Pfeiffe ist schon wieder aus. – (K.) Komm Junge, laß Dich an Deinem lieben Starrkopf kriegen und Dir ein Mäulgen geben. Ritter Miller ist ein herzliebster Junge, ganz für uns der mich liebt, der Dich liebt, Dich herwünscht. Wir haben viel von Dir gesprochen, und eben Dein Portrait verkehrt gestellt, weils zweymal herunter fiel, darob wir sehr erschraken. Du stehst doch gut? (M.) Es ist auch kein Geringes, neben Klinger, Stolbergs, Göthe und Haugwitz zu paradiren. Aber Klingers Pyrrhus wird die Welt erstaunen machen und wenn Kayser noch viel solche Lieder macht, so mags der Satan mit ihm aufnehmen! – (K.) Das Platt muß druckenen, denn mehr. Schmidten haben wir einmal tüchtig abgesoffen. Ich sag Dir Schatz in Gießen hab ich so herrliche Tage noch nicht gelebt, als mit dem lieben Miller. Wir sind schon länger als 8 Tage beysammen, leben wie die Götter. Du mußt – halt doch – Dank für die Epistel. Komm und friß den Kohl, der Pudel düngt gut. (M.) Wer das Scheiden erfunden hat, war ein rothhariger krausköpfiger Junge, der den Kindern Nüsse stahl, wenn sie damit spielen wolten. Denk' Dir einmal liebster Klinger, über Morgen – mich deucht, ich höre den verdammten Postillon schon blasen. Was ich Euch eigentlich sagen wolte, liebster Kayser, ist weiter nichts als das: daß Klinger ein gar herrlicher Kerl ist, der sich sogleich in die Seele einnistet und daß ich Euch auch herzlich gut bin, wenn Jhrs mir nur auch so wärt. (K.) Bonnenblut hat ein schönes roth. Dort schlich sich eben ein Mädchen durchs Gärtchen, ich küß ihr unsichtbar die Hand und die Frösche fürcht ich gewaltig. Es ist noch nicht lange, daß sie mich aus einem Bach jagten, was sehr angenehm war, ich auch meinen ritterlichen leib badete, Miller mich durchs Gesträuch glänzen sah und auch schleichen. Eine Erle ist ein schöner baum, besonders wenn ihrer drey beysammen stehn und wieder drey. Auch das Abendroth vom hohen Berg. Und bey Nacht die Trümmer eines Schlosses zu besuchen, an dem Quell im Buchhain, Wein zu trinken. Gestern schickten wir einen Ritter zum Diterich nach Wezlar, er kam marode zurück. (M.) Und die Johanniswürmer, die ich damals auf dem Hut hatte, waren doch auch nicht übel. Aber so ein Freiheitsgesang, wie der Fritz gemacht hat, muß einen doch recht müde machen. Sollt ich aber ewig darauf schlafen, ich würd ihn doch machen, wenn ich könnte. Und die Donna Viola, so neben der Quelle sie kennen zu lernen, wo die Namen in die Buchen eingeschnitten sind – ja Kayser, das war ein herrlicher Abend, wo man Euch wol auch hätte dabey brauchen können. Ihr trinkt doch auch Wein? Je nun, dann ists schon gut und wir sind wieder Freunde. Prosit liebster Klinger! Auf's Wohl des Offenbacher Mädchens und die 3 Erlen am Bach bey der Amtmannsmühle! Dum valra! valra! (K.) Ich weiß lieber Junge, lieber Wurm, du wirst Dich um Miller winden mit Kopf und Schwanz. Die Lehre vom Contract ist sehr schwer, überhaupt die Pandekten. Stell mir die Nativität. Miller hat mir guten Zunder geschenkt. Stollbergs Gesang ist ein Göttergesang. Du mußt Millers Lieder schön componieren und schicken. Wir haben deine Gesundheit in Wezlar getrunken. Ich bin letzthin ausgepfiffen worden. Dum valra!

(M.) Ja du allmächtige Freundschaft– Stopf mir doch auch eine Pfeiffe!– wer Dich einmal fest ans Herz gedrückt hat, dem ists immer wohl bei Sonnenschein und Regen. Möcht wol ewig bey dem guten Klinger leben und mich dann einmal auf ein Jahrhundertlang von Kayser besuchen lassen. Aber so ehrenvest, wie sein Portrait, dürft er mir nicht aussehen. Lustig eingeschenkt! Der Mond geht schon auf und die Eulen singen. – Narr, warum läßt Du Dich auspfeifen? Schlag sie um die Ohren und gieb mir Feuer, nicht vom Ulmerzunder, nur vom gelben. Vivat Münden! (K.) Diesen Mittag hatten wir Sauerfleisch, es schmeckte nicht so gut, als es roch. Deinert schrieb mir gestern. Der Wein gieng noch. Der Saalat welcher geschoßt hat, taugt nicht zum Essen. Man zieht Saamen. Wezlar hat eine schöne Gegend. Lavater ist ein herrlicher Mensch. – Was hälst Du davon, daß michs eben jetzt p–t. Deine Kinder finden erstaunenden Beifall. Der Almanach ist ein kleines Büchelchen. Meine Papierscher rostet. (M.) Aber der Bourbon stinkt gewaltig, jag ihn naus! Siehst Du Klinger, wenn wir so einmal in der Schweiz zusammen leben könnten, all auf Einem Berge und Du uns dann Trauerspiele vorlässest und Kayser uns ein Stücklein vorspielte – Meinst Du wol? Aber mit dem ewigen Planmachen geht Zeit und Papier verloren. Lustig umgewendet! (K.) Der Pudel schläft gar zu gut, liebster Müller und ich möchte den armen Narren nicht ärgern. Kätchen ist ein braunes Dinglein und Tischen hat das blaue ihrer Augen vom reinsten Aether gestohlen. Lieber Miller, wenn wir doch ewig so zusammen wären, so angeschlossen wie wir iezo sind, ich wollt Dich für Kält und Hitze schützen. Den großen Mann Lavater möcht ich wohl einmal sehen und mich an seiner Sonne wärmen, wenn ich auch noch so weit von ihm säße, wie ich höre, solls eine große Wollust seyn, um so einen Menschen zu existieren. Diesen Morgen waren viele Prinzen hier. Es regnete stark, wir schwitzten. Mit den stinkenden Gassen ists ein garstig Ding. Die Lehre de servitutibus ist ein närrisch Ding, hat mich manche Stunde gekost. (M.) Hört lieber Kayser, der Schmid ist ein Erzschuft, hat uns gestern keinen Wein gegeben und wir waren doch so durstig. Der arme Schleyermacher ritt gestern auf meinem Pferd nach Wezlar und brachte einen Wolf mit, der die ganze Nacht durch bellte, daß kein Mensch schlafen konnte. Nun will er auch ein Gypshändler werden. Eure Kompositionen hab ich noch nicht gesehen, aber sie sind gewiß gut, darauf wollt ich schwören. Ich lieb Euch schon herzlich, denn Klinger sagt mir, daß Ihrs wehrt seyd und was Klinger sagt, ist wahr, ja gewißlich wahr. Lavater ist freylich so ein Mann, den unser einer auch kennen möchte; aber laßt mich nur erst nach Schwaben kommen. Hui und ich bin in der Schweiz. Nun müssen wir wol bald zum Schmaus, Klinger zieh die Hosen an! (K.) Miller wer wird so nackend da sitzen, die Magd kommt. Die Physiognomik möcht ich wol sehen. Die Praxis Juridica soll viel Geld bringen, wer das sein gethan hat. Wie viel Blut ließt Du Dir abzapfen, eh du die Epistel schriebst? Jüngst bekam ich die Sainte Conception von einem Mädchen geschenkt. Ein altes Haus soll gut auf einer Landschaft stehen, wenns ein braver Kerl zeichnet. Um ein höflich Maidel ist's ein garstig Ding, um schlechten Wein gar herbes Ding. Ich liebe Dich (M.) Bin ut supra Euer guter Freund Miller.

Gießen den 28. Juli 1775.

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