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Deutsche Freundesbriefe aus sechs Jahrhunderten

Verschiedene Autoren: Deutsche Freundesbriefe aus sechs Jahrhunderten - Kapitel 128
Quellenangabe
typeletter
authorJulius Zeitler
titleDeutsche Freundesbriefe aus sechs Jahrhunderten
publisherVerlag Julius Zeitler
editorJulius Zeitler
year1909
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20140417
projectid5cbef5e6
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126. Albertine Grün an Höpfner

Nein, ich kann, ich will Ihnen nicht verzeihen. Welches Vergnügen haben Sie mir doch so recht judenhaft rauben können. O Freundchen, Sie können mich nicht mehr recht lieb haben. Oft ist mir der Gedanke eingefallen, Sie wären nicht recht gut; doch gleich dabei straft' ich mich Lügen, denn ich war überzeugt, daß Sie sehr gut und empfindungsvoll für eine Mannsperson wären; nur ich war von Ihnen vergessen, und das war ja kein Zeichen, daß Sie nicht recht gut wären, wenn Sie eine Ihrer Freundinnen kaltsinnig behandelten. Es ist kein Vorwurf, Lieber. Ich bin Dir noch eben so gut, wie in der Stunde, da ich in meinem Herzen das erstemal fühlte, daß es ganz voll von Freundschaft zu Dir wäre. Es sei Ihnen verziehen, wenn Sie sich selbst verzeihen können, meinem treuen Herzen so vielen Kummer gemacht zu haben. Was sind Sie doch für ein Kindskopf! Ob mir Schleiermacher's Bild auch nützen und frommen würde? Hört, Ihr Kinder, was ich Euch ins Ohr sage! Nie soll wieder das Bild eines Mannes die Ruhe Eurer albernen Freundin stören. – Bst, Bst! Flüstert nicht zu laut, damit es Gott Amor nicht hört, der Tausendkünstler könnte sonst noch einmal mir einen falschen Streich spielen. Schl. Bild ist mir keineswegs gleichgiltig. Ich bin seine sehr gute Freundin. Ich wünschte mir einen Bruder, der ihm ähnlich dächte. Doch könnt Ihr mir immer sein Bild schicken auf mein ehrlich gut Gewissen. Ich werde niemals einer Liebe wieder, wenigstens so ohne alles Urtheil und Recht, Platz in meinem Herzen geben. Wäre ich nicht der größte Kindskopf auf Gottes Erdboden, wenn mich Schleiermachers Bildniß in der Ruhe störte? Er hat ja niemals einen Schritt noch Tritt mir zu gefallen gethan. Mit Klinger war es ganz was anders. Er war einstens, zwar nur kurze Zeit, mein gehorsamer Diener, und die Gottheit Mitleiden für sein Schicksal hatte mich für ihn ganz mit Liebe erfüllt. Wäre Schl. ein armer Mensch und hätte einen Gefallen an mir bezeigt, so wäre ich vielleicht noch mehr für ihn eingenommen worden, als jemals für Kl. Denn seine Denkungsart kömmt mehr mit der meinigen überein. Aber so müßte mein Herz gleich dem eines bunten Schmetterlings seyn. Herr Plato mag sagen, was er will, so kann man doch nur Freundschaft für Jemand haben, von dem man nie geliebt worden, noch niemals Hoffnung geliebt zu werden hat und haben kann. Laßt mich immer in Ruh mit der Liebe! Wenn ich's nur hier besser gewöhnen könnte, so wäre Alles gut. Doch habe ich mir ein Mittel gesucht, und das fängt an ziemlich gute Wirkung zu thun. Nehmlich ich habe mir einen fürchterlichen Todtenkopf in meinem Zimmerchen aufgehängt. Seitdem bin ich viel zufriedner. Ich sehe in ihm ein wohlgetroffnes Bild von mir und denke jede Stunde: ach, wenn ich Dir ähnlich bin, wird ja Ruhe, Zufriedenheit und Wonne von Ewigkeit zu Ewigkeit in meiner Seele wohnen. Seitdem der gute Knochenmann bey mir ist, sehe ich wol, daß so wenig ich auch dennoch zu viel an dem Irdischen hange, weil mich der Gedanke, aus einer schönen Gegend in einer schlechteren zu seyn, unmutig machen kann.

(Ende 1772.)

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