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Deutsche Freundesbriefe aus sechs Jahrhunderten

Verschiedene Autoren: Deutsche Freundesbriefe aus sechs Jahrhunderten - Kapitel 116
Quellenangabe
typeletter
authorJulius Zeitler
titleDeutsche Freundesbriefe aus sechs Jahrhunderten
publisherVerlag Julius Zeitler
editorJulius Zeitler
year1909
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
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114. Stolberg an Voß

Jena, 16. Nov. 1773.

Wie hat mich Ihre Elegie mit den zärtlichsten wehmüthigsten Empfindungen des Schmerzes und der Dankbarkeit und der weinenden Freude durchdrungen! O mein Voß! mein Voß! ich empfinde zu viel, ich kann es nicht aussprechen, wie lieb mir diese Elegie ist. Welche Thränen hat sie mich vergießen machen! Welche Thränen wird sie mich vergießen machen! Wie lebhaft hat sie mich in die Empfindungen der 12ten September-Nacht zurückgebracht, aufs neue und noch lebhafter, denn verlassen hatten diese Empfindungen mich nicht einen Tag. Kein Tag seit unsrer Trennung ist vorübergegangen, da nicht mein Herz geweint hätte, und oft auch das Auge. Ach die Minute wie

Dein Stolberg Dir um den Hals fiel.

O mein Voß! Die ist mir ewig unvergeßlich! und wie Miller mir den Mond zeigte, und – aber warum wiederhole ich alles? Laßen Sie mich nur an die Empfindungen der Hermanns-Nacht Sie einen Augenblick erinnern. Es ist Tröstung drin! Ich laße mirs nicht ausreden, mein Voß, daß heilige Schauer uns umschauerten! Wer der Tugend schwört, der schwoert Gott! wir waren heiß entbrannt! Gott hatte sein Wohlgefallen an uns. Dazu hatte er uns zusammengebracht. Er mag uns wohl wieder zusammenführen, wo nicht zum miteinander leben, doch zum wiedersehn. Sie machen mich zu traurig, wenn Sie diese Hoffnung weggeben. Diese Hoffnung labt meine Seele!

(Folgen Urtheile über die ›Elegie‹, ›Ode an Goethe‹, ›Odarion‹).

Wie freut es mich, daß Sie Schönborn so haben kennen gelernt! Sollten wir den nicht in den Bund kriegen können? Von keinem wünsche ich es so lebhaft. Denn wir alle kennen ihn persönlich; das bloße poetische Verdienst muß uns keinen aufnehmen machen. Das Herz eines Mannes muß man ganz kennen, eh er des Bundes Werth gehalten wird. Hat Schönborn keine Lust zur Aufnahme gezeigt? Gott wie brannte mir das Herz vor Verlangen, eh ich aufgenommen ward. Aber ich hätte noch das Herz nicht gehabt, um die Aufnahme zu bitten, wenn ihr, meine Brüder! mir nicht zuvorgekommen wäret! von Bürgern wünsche ich, daß er möge Lust bekommen, daß er ansuchen möge, daß er mit ganzer Empfindung der Größe unsers Bundes bitten möge aufgenommen zu werden, und daß er aufgenommen werde. Der Grund seines Herzens ist wahrlich sehr gut. Er haette können verdorben werden, aber er wird immer besser, und die Verbindung mit dem Bunde kann ihm sehr heilsam sein. Als Dichter ist er des Bundes werth. Er wird immer origineller.

Cramer hätte aus seiner Nasen-Gefahr in Cassel lernen sollen, wie gefährlich denen kurzsichtigen der Umgang mit Adlern ist! Der gute Cramer! ich liebe ihn sehr, aber für den Bund ist er wahrlich zu klein! Nun er drinnen ist, muß er freilich wohl drinnen bleiben, aber er muß sich noch sehr bilden, um es zu verdienen, der kleinste sein zu dürfen. Ich schreibe nach der Empfindung meines Herzens. Dafür soll Gott mich behüten, daß ich meines Freundes spotten sollte! Höltys Wegreise betrübt mich sehr. Gott sei mit ihm! Ich bin seinetwegen oft besorgt. Gott wird sich seiner aber gewiß annehmen. Ich fürchte, daß ihm die Entfernung vom Bunde schade. Ach und mir wird sie schaden! Ich fühle keinen dichtrischen Muth mehr. Es wird gewiß kommen, aber auch als Dichter habe ich durch die Abwesenheit des Bundes viel! viel! viel verloren!

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