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Deutsche Freundesbriefe aus sechs Jahrhunderten

Verschiedene Autoren: Deutsche Freundesbriefe aus sechs Jahrhunderten - Kapitel 113
Quellenangabe
typeletter
authorJulius Zeitler
titleDeutsche Freundesbriefe aus sechs Jahrhunderten
publisherVerlag Julius Zeitler
editorJulius Zeitler
year1909
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20140417
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111. Miller an Voß

(15./6. 1788.)

Nach Menschen und Freunden ist die Natur (und ihr Schöpfer vor allem) mir das liebste. O wie träumt' ich mich oft auf meine einsame Landpfarre hinaus; wie durchdrang ich alle Geheimnisse der Natur und sang schon im Geist alle ihre öffentlichen und geheimen Schätze! Was ich in Göttingen sang, war gleichsam nur Vorrede zu dem großen, bessern, vollkommneren Liederbuch, das ich nicht auf den Altar der Allnährerin und Allbeglückerin niederlegen wollte. Die Vorrede ist geschrieben, und das Buch wird nie zu Stande kommen. Ich leb' auf der Welt, auf der freilich die Natur ihren Tempel erbaut hat; aber die Stadt ist nicht einmal der Vorhof dieses Tempels! – – – Ich fühle, was ich sein könnte, und nicht sein kann und darf. Ich möchte singen und der Hals ist mir zugeschnürt. Ich gleiche dem Adler oder lieber nur der Schwalbe und Lerche, mit gelähmten Flügeln, und seh und hoere ueber mir gluecklichere Voegel fliegen und singen. – Nun die Kugel am Fuß wird mir einst abgenommen; es wachsen neue Schwingfedern. Wie will ich dann so jauchzend und froh und Gott preisend aus den Lueften auf den engen Raum, in dem ich herumkroch, herabblicken! Bis dahin Geduld, bald schwer athmendes, bald laut und wild pochendes Herz! –

Am 21. Juni: Aufheitern kann ich nicht viel, kann nur hinweisen in das selige Land, dem wir mit jedem Tag und jeder Stunde naeher kommen. Ach, da wird der Bund, nach vorhergegangener Sichtung, wieder erneuert werden, da wird uns eine ewig gruenende Eiche umschatten; Rosen werden uns bekraenzen, die nicht wie die, die jetzt da drunten in meinem Garten bluehen, nach kurzem Leben wieder vergehen, den Kreis, den wir um die Eiche her schließen, wird kein trennendes Schicksal mehr zerreißen. O, und wie groß und weit wird dann der Kreis sein! Socrates und Plato, Homer und Ossian, Eschilbach ( sic) und Walther, Sheakspear, Virgil und Petrarca – und wer will die Edeln alle nennen? – werden an Hoeltys und Hahns Hand kommen und ihre Hand in die unsre bruederlich legen und unsre Weiber – und Deine und Fritzens Kinder werden einander begrueßen, und einen Bund gleich dem unsrigen schließen. Ach, Voß! mir schwindelt vor Wonne! –

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