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Deutsche Freundesbriefe aus sechs Jahrhunderten

Verschiedene Autoren: Deutsche Freundesbriefe aus sechs Jahrhunderten - Kapitel 110
Quellenangabe
typeletter
authorJulius Zeitler
titleDeutsche Freundesbriefe aus sechs Jahrhunderten
publisherVerlag Julius Zeitler
editorJulius Zeitler
year1909
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
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108. Johann Martin Miller an Kayser

Ulm den 28. Aug. 1775.

Willkommen, edler deutscher Mann!
Sink an mein lautes Herz hinan!
Es schlägt und segnet Dich und sich,
Daß es zum Freund erworben Dich!
Komm Bild, weil fern Dein Urbild ist,
Sey dreymal heilig mir geküßt.
Du Bild vom besten deutschen Mann
Sink mir ans laute Herz hinan!
O Kaiser, was ist Welt und Glück
In diesem Götteraugenblick!
Verschwunden alles her um mich!
Ich hör und sehe nichts als Dich!

Aber das Versemachen geht jetzt meinen Empfindungen zu langsam. Tausend tausend Dank mein lieber Kaiser für Deinen herzlichen Brief und für das Herz, das mir daraus entgegenschlug. O du lieber Knabe, wenn Du wüßtest, wie ich das zu schätzen weiß, wenn eine Seele sich mir öfnet, der ich mich längst gern mitgetheilt hätte, du würdest mich beneiden. So eine Wonne hat ich noch in Ulm nicht, seit ich wieder hier bin, wie heute. Keiner meiner älteren Freunde hatte mir noch geschrieben, ich war ungeduldig drüber und da kamst Du Engel des Himmels mir mit ofnem Arm entgegen, meinen Kummer zu verjagen. Hast es treulich gethan, lieber Kaiser und ich bin mir selber böse, daß ich Dir mit Worten nicht genug sagen kann; wie der Dank in meinem Herzen auflodert und Dir nach Zürich entgegenfliegt. Ich habe von Giessen aus nur Schnurren geschrieben und Du belohnst mich dafür mit einem so herrlichen Briefe und mit Deiner Freundschaft. Schlag ein! ich bin ihrer wehrt. Ach was hatt ich bei Klingern für ein Leben! Ihn sehen und ihn lieben war Eins: und so sagt er, seys ihm auch mit mir gegangen. Wir haben rechte Bruderherzen, selbst unsere Gesichter sollen sich sehr ähnlich seyn und sein Bild, das Göthe gemacht hat, könnte man für meines halten. Klinger ist ein herrlicher, göttlicher Mensch, das Herz und den Verstand trift man kaum in Jahrhunderten beysammen an. O, ich habe ihn unaussprechlich lieb und war nur acht Tage bey ihm. Und hör, Kaiser, darum, daß er mir auch Dich erworben hat, hab ich ihn noch tausendmal lieber. Ich liebe Dich auch unaussprechlich, denn ich kenne Dich durch ihn. Dreymal hab ich mit der größten Ehrfurcht Dein Bild geküßt, so wie man seinem Mädchen den ersten Kuß gibt, so heilig wars um mich herum; dann aber herzt ichs noch unendlichmal und sehs täglich an. Meinen Schattenriß hat Wagner dreyen Mädel in Offenbach gemacht; nun hat ihn Göthe und will ihn verkleinern. Sobald ich ihn bekomme, solst Du ihn haben. Kannst Du mir nicht das Kupfer von Göthe schaffen, das Du Klingern und Wagnern geschickt hast? Ich hätt es gar zu gerne. Die Stolberg werden mir ihren Schattenriß wohl selbst schicken. Weist Du nicht, wo die Leute jetzt sind? Ich hoffe, sie kommen über Ulm. Fritz hat mir seinen heissen göttlichen Freyheitsgesang noch nicht zugeschickt, bey Klingern hab ich ihn schon 6 mal gelesen. Bey Wagnern bin ich 4 Tage gewesen und habe den treuen Jungen recht lieb gewonnen. Göthe lernte mich und ihn nicht genug kennen, wir wurden also nicht vertraut. Aber er hat mich sehr für sich eingenommen ... An guten Liedern zum Singen fehlts uns sehr. Komponir auch deine eignen Lieder, denn die must Du am meisten fühlen. Ich wünschte, daß Du mein deutsches Trinklied komponirtest und mir schicktest, ich habe in fernem Land ein Mädchen, dem ichs gerne zuschickte. Alle meine neuen Lieder sollst Du haben, wenn Dir welche gefallen, kannst Du sie komponieren. Ich schicke sie dann oder doch einige davon an Voß für den Almanach. Vosz ist einer meiner liebsten Freunde, ein außerordentlicher Mensch. Mit Klingers Erlaubnis hab ich ihm einige deiner Gedichte, die mir all unendlich lieb sind, für den diesjährigen Almanach geschikt. Künftig must Du mir auch alles schicken, was Du machst ...

Lieber herzlicher Freund! ich danke Dir noch tausendmal für deinen Brief. Mein Herz hast Du auf ewig. Sehen müssen wir uns gewiß, wir sind uns nah und ich habe schon längst den Plan zu einer Schweizer Reise gemacht, ehe ich Dich noch da kannte. Lavatern hat mein Herz schon längst geehrt und geliebt. Versichere Ihn meiner wärmsten Hochachtung und auch Pfennigern! Wir müssen uns fleißig schreiben. Dieser Brief blieb einer kleinen Reise wegen liegen. Deine Adresse weiß ich nicht gewiß. Schreib mir sie! Mit heißer Liebe drück ich Dich ans Herz.

Dein
Miller.

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