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Deutsche Freundesbriefe aus sechs Jahrhunderten

Verschiedene Autoren: Deutsche Freundesbriefe aus sechs Jahrhunderten - Kapitel 108
Quellenangabe
typeletter
authorJulius Zeitler
titleDeutsche Freundesbriefe aus sechs Jahrhunderten
publisherVerlag Julius Zeitler
editorJulius Zeitler
year1909
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20140417
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106. Carl Friedrich Cramer an Bürger

Kiel, den 4. May 1780.

Wir sind zwar lange außer Connexion mit einander gewesen, liebster bester Bürger, – aus der Connexion der Briefe, will ich hoffen, nicht der Herzen! – aber nun kann ich mich doch nicht länger halten, sondern muß Dir schreiben, da ich auf dem Punkte stehe, Mann, und ein glücklicher Mann zu werden, und die zweyte bessere Hälfte meines Lebens zu beginnen. Ja, mein Bester, noch vielen bittern Schicksalen des Herzen, die mein Armes seit der Zeit empfunden und erfahren hat, ist mir doch endlich geworden, worauf ich mein Haupt legen kann. Ein liebes, süßes Mädchen, von 16 Jahren, ein schönes Mädchen, wie das die Welt sagt (denn mein Sagen würde nichts entscheiden) und die mich recht herzlich lieb hat, und die mich auch in äußerlich gute Umstände setzt, wird binnen 14 Tagen mein. Schon ziele ich; schon hab ich auf meinen Bogen gelegt Pfeile der Freude und der Bevölkerung; und ich will und wünsche, daß Du – zwar nicht mit mir bevölkern; dafür sichert mich deine Abwesenheit – aber doch, daß Du Dich herzlich mit mir freuen mögest. Und daß ich bey dieser Gelegenheit, außer der öffentlichen Bekanntschaft, die man durch Deine poetischen Hurereien mit den Musen noch immer mit Dir hat, auch einmal privatim etwas von Dir erfahren möge. Wenn ich so oftmals die vielen vergnügten, tollen, erzlustigen Stunden überdenke, die wir zusammen in Geliehausen verlebt haben, wenn ich so manchmal in Deinen Versen lese, und mir nun alles wieder so local wird, mir jedes Gespräch drüber, jede Korrektur drinn, die Erfindung manches Reims drinn wieder einfällt: ists möglich denn? denke ich oft, daß wir Jahre lang haben verstreichen lassen können, ohne uns aneinander zu erinnern? – Unterdessen sagt mir mein Herz, daß ich Deiner eben so wenig vergessen habe, als meiner Selbst; uud daß es mir eine der ersten Freuden meines Lebens seyn würde Dich wieder zu sehen. Das soll auch gewiß einmal geschehen, wenn ich mit meiner Frau meine Schwester in Celle besuche. Um Deintwillen muß ich nach Göttingen; sonst hab ich da nichts zu suchen. – Ich lege hier ein Exemplar von meiner neuen Ausgabe von Klopstock bey. Das soll hoffe ich eine classische Edition von ihm werden. Ich bin sehr glücklich an einem Orte zu leben, wo ich ihn und Gerstenberg jährlich drey viermal genießen kann. Ich habe sehr viele Freunde, die meinem Herzen und Kopfe ein Genüge thuen, hier. Meine äußerlichen Umstände sind nicht glänzend, aber völlig zureichend. Ich stehe allerwärts in allem guten Adlergeruche, den ich nur wünschen mag, ausgenommen bey den Studenten; den akademischen Applausum haben die Sperlinge bey der Academie. Kurz ich müßte lügen, oder die Ruthe verdienen, wenn ich nicht sagte daß ich sehr glücklich hier bin. – Schreib mir doch auch bald einmal, Liebster, wies Dir geht, was Dein Weib macht; wie viel Deiner Eyer sie ausgebrütet und (wie) viel Adlerküchlein Du herumlaufen hast.– Schreib; und räche Dich nicht durch Kürze an meiner Kürze; bedenke vielmehr daß ich Dir in Tagen schreibe wo all mein Blut zu Liebeskämpfen hinstrebt, und wo es schwer ist eine Feder festzuhalten.

Dein
F. C. Cramer.

N.S. Mein Mädchen heißt Maria Cäcilia Eitzen, in Itzehoe.

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