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Deutsche Freundesbriefe aus sechs Jahrhunderten

Verschiedene Autoren: Deutsche Freundesbriefe aus sechs Jahrhunderten - Kapitel 107
Quellenangabe
typeletter
authorJulius Zeitler
titleDeutsche Freundesbriefe aus sechs Jahrhunderten
publisherVerlag Julius Zeitler
editorJulius Zeitler
year1909
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20140417
projectid5cbef5e6
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105. Bürger an Boie

W[öllmershausen], den 17. Mai 1779.

Ich weiß nicht, ob es Philosophie, oder natürliche Kälte ist, kurz ich kan eine ruhige Verachtung gegen das Geschmeiß hegen, das meinen Namen und Character zu beschmuzen suchet. Dies gewährt mir ein gewisses Gefühl von Erhabenheit, welches so wollüstig, als das Gefühl der Rache ist. Ich studire täglich immer mehr und sonderlich auf meinen einsamen der Betrachtung geweiheten Spaziergängen, die wichtigste Wissenschaft: Philosophie des gemeinen Lebens. Schon manchen Saz habe ich mir aus eignen und fremden Erfahrungen berichtigt, und ich möchte schier einen Kodex davon schreiben.

Ich hüpfte für Freuden; als ich in deinen Briefe las, daß du mir in so kurzer Zeit schon zusprechen kanst und wirst. Ich denke auch einen Abstecher zum Campement nach Herzberg auf einen oder zwei Tage zu machen. Wenn du es so einrichten kanst, daß du auf deiner Rückreise von Goeckingk bei mir einsprichst und ein Paar Tage bei mir bleibst, so ist mirs am liebsten, weil ich gegen die Zeit ziemlich vollends bei Seite gearbeitet haben werde. Geht das aber nicht an, so komst du mir auch zu andrer und früherer Zeit vollkommen gelegen, weil ich in meinem Walde schon so viel gearbeitet habe, daß es Licht darinnen wird. Den ohngefähren Tag Deiner Überkunft aber mögte ich doch wo möglich vorher wissen; weil ich fast den ganzen Junius einen Tag um den andern mit Lehns terminen besezt habe.

Was ich in meiner Einöde für Klopst[ock] und Voß thun kan, das werde ich thun, wiewol es nicht viel seyn wird. Ich selbst unterzeichne mich natürlicherweise bei Beiden.

Meine Lieder solst du eher nicht haben als bis sie so sind, als ich sie wünsche. Ich mag mich aber jezt nicht dran machen, weil ich meine Geschäfte versäumen würde. Diese sollen schlechterdings erst bei Seite geräumt seyn. Von Künftigem Johannis an hoffe ich mich mit mehr Ruhe und Musse den übrigen Theil des Sommers dem Vergnügen der Musen widmen zu können.

O wenn du doch erst hier wärest, und es wäre recht anmutiges Wetter, daß wir zusammen unsre Berge beklettern, unsre Triften und Wiesen durchstreichen, an unsern Bächen und Quellen uns wälzen könten! Wir wollen in einem grossen grossen Bette zusammen schlafen und von Sonnen Aufgang bis Sonnenuntergang schwazen. Sonst weis ich dir in diesem Jammerthal kein Vergnügen zu schaffen. Zu so guten Leüten, wie du, kan ich dich leider hier nicht führen.

Schreib mir, wenn du nach Güttingen komst, daß auch ich dann hineinkomme.

Leb wol und behalt mich lieb!
G. A. Bürger.

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