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Deutsche Freundesbriefe aus sechs Jahrhunderten

Verschiedene Autoren: Deutsche Freundesbriefe aus sechs Jahrhunderten - Kapitel 105
Quellenangabe
typeletter
authorJulius Zeitler
titleDeutsche Freundesbriefe aus sechs Jahrhunderten
publisherVerlag Julius Zeitler
editorJulius Zeitler
year1909
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20140417
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103. Friedrich Leopold Stolberg an Kayser

Kopenhagen d. 18. Mai 1776.

Du lieber herziger Junge, es ist lange her, daß ich nicht an Dich geschrieben habe, aber täglich denke ich an Dich und werde Dich ewig von ganzem Herzen lieben. Dein letzter Brief hat mich sehr und aber sehr erfreut, es lebt und webt in jeder Zeile die liebevolle Seele.

O es ist doch Gottes Gabe, daß unsere Herzen so aufwallend, unsere Seelen stürmend und dann wieder so sanft sind. Wir Oceanisten fühlen freilich manchen Orkan, dennoch ist uns oft wohl, wenn über unserem grenzenlosen Horizont die Sonne auf und untergeht, indeß daß der Pfützenbewohner sich brüstet, im stinkenden Pful und an dem Stral der Sonne, welcher wie Liebe verschmachtet.

Mir ist wohl weil ich morgen die Stadt verlasse mit meinen Geschwistern und einigen Freunden werd ich diesen Sommer leben, wie die Engel im Himmel. In dieser verwünschten Stadt, wo unter den Söhnen des Landes die Menschheit zum Vieh herabgesunken ist, habe ich Galle gesammlet. O Lieber die Dänen sind das liebste Volk der Erde, denn auf dem Lande laß ich den Dänen Dänen sein und mir wohl. Mich verlangt herzlich nach dem 2ten Theil der Physiognomik.

Laß mich wissen all was Du thust, ob Dir weh ist oder wohl, vermuthlich beides, so gehts mir und so ist's einem Kerl unserer Art am heilsamsten.

Gestern schreibt mir jemand aus Hannover, Lenz wäre in Weimar, wolte Gott, es wäre wahr und er bliebe dort. Mit Lenz möcht ich gar zu gerne leben, er ist so ein herrlicher Jung und so gut. Ich gehe diesen Sommer noch nicht heim.

Bald wirds ein Jahr, daß ich Dich lieber Schatz zuerst sah, ich wußte nicht, wieviel Göttergenuß auf mich wartete.

Mein Bruder küßt Dich, er geht in diesen Tagen auf 14 Tage von hier, um meine Schwester aus Holstein zu holen. Heut den ganzen Tag muß er in der Stadt herumlaufen und kann nicht schreiben. Bester herziger Junge laß Dir wohl sein. Laß Dir von Herder den Erzengel mein Gedicht zeigen.

Ich küsse Dich 100000 mal
F. L. Stolberg.

Von Klingern hör ich nichts, bin aber auch faul gewesen.

*

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