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Deutsche Freundesbriefe aus sechs Jahrhunderten

Verschiedene Autoren: Deutsche Freundesbriefe aus sechs Jahrhunderten - Kapitel 104
Quellenangabe
typeletter
authorJulius Zeitler
titleDeutsche Freundesbriefe aus sechs Jahrhunderten
publisherVerlag Julius Zeitler
editorJulius Zeitler
year1909
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
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102. Johann Erich Biester an Bürger

Berlin, d. 1. Mart. 77.

Bürger, Bürger, wie kanst du meiner so ganz vergessen? O ruft keine Erinnerung, kein Gedanke an die Vorzeit, kein Anblick einer Kleinigkeit die du sonst mit mir genossest, kein Brief von mir, o ruft nichts, nichts dir meinen Namen ins Gedächtnis? Ich will einen Staar kaufen, ihn meinen Namen lehren, und ihn dir dann zuschicken. – O Bürger, wie kontest Du mich sonst so zärtlich lieben! Ist das izt Alles vorbey, Alles in den großen immer wachsenden Durst nach Ruhm und Unsterblichkeit verschwunden? So sey Gott gedankt, daß ich kein Dichter bin! – Kann dich denn izt nichts mehr reizen, als der hohe Posaunenton der Göttin Fama? als die lodernde verzehrende Flamme des Genies? Bist du itzt taub gegen den sanften Ruf eines Freundes? kalt gegen das milde Feuer eines zärtlichen Herzens? Armer B., so hast du schlecht getauscht. – – Wie freut' ich mich sonst, wenn ich meinen neuen Freunden von dir erzählte, von deiner Liebe zu mir, darauf ich so stolz war, deiner Vertraulichkeit, wenn ich ihnen dein Bild an meiner Wand zeigte! Ach, und wenn sie mich izt nach dir fragen, – izt, das heißt seit Jahr und Tag, was du machst, was du mir geschrieben hast, u. s. w. wie fühl ichs da, daß ich nur durch Thränen antworten kann! – Lieber B., glaube aber ja nicht, daß ich nur aus Eitelkeit so bettele, nur damit ich mit einem Briefe, den du mir geschrieben hättest, pralen könnte. Nein, weiß Gott, nicht; ich verspreche dir heilig, wenn dus haben willst, Niemanden je zu sagen, daß du mir schreibst; ich will gern auf alle Pralerey, auf allen Stolz Verzicht thun, wenn ich dich nur wieder geniessen kann. – Ach, wie wohl thuts mir, daß ich diese zärtliche, diese Mädensprache wieder zu dir sprechen kann! Ja B., ich habe dich immer mit einer Innigkeit, einer Wärme geliebt, wie nur ein Weib lieben kann, wie selbst ich mein Weib dereinst kaum werde lieben können. »Unsere Liebe war sonderer als Frauenliebe«, wie oft haben wir das zu einander gesagt. Plato hat Recht: die höchste Liebe ist Jünglingsliebe, aber reine, ohne körperlichen Genuß, wie unsre war.

Du weist, wie ich in Meklenburg gelebt habe. Ich sah Kielmannseggen sehr oft, und du kanst denken, ob wir von dir sprachen. Wir thatens oft mit solcher Wärme der Phantasie und des Herzens, daß wir beide zusammen mit Zittern ausriefen: »Wenn er nun käme! nun in die Stube zu uns hereinträte!« – Ich habe Kielm. nie so viel und so ganz genossen, als in Mekl[enburg]. Er hatte keinen Menschen, der ihn verstand, dem er sich öfnen, oder gar mittheilen konte; ach, es ward ihm gleich so wohl, wenn er mich nur eine Viertelstunde sprach. Wie hat mich das oft entzückt, wenn ich ihm Heiterkeit mittheilen konte! – Im Ganzen genommen, hat Er sich wenig geändert: etwas spekulativer ist er noch geworden, und, die Wahrheit zu gestehen, auch kälter und klüger. Er leidet oft von seinem Körper, der nie recht gesund ist; zuweilen ists auch nur Hypochondrie, und eingebildete Krankheit; aber ist die weniger schmerzhaft und fürchterlich? Er weiß oft mit seinem weichen, großen, vielverlangenden Herzen nichts anzufangen; und zuweilen liegt dieß Herz gar mit seiner Klugheit die er sich durch mancherley unangenehme Schicksale erworben hat, und mit seiner abstrahirenden Spekulation in jämmerlichem Widerspruch. Er schwankt zwischen Skepticismus und Glaube an Wahrheit, zwischen Menschenliebe und Glaube an Tugend, zwischen Toleranz und Misanthropie. Sein Wunsch nach Wahrheit, seine Thränen nach Belehrung, sein Gefühl der eingeschränkten Kraft des Menschen strömte neulich in ein Gedicht aus, das den Stempel des Genies trug. Was ich ihm herzlich wünsche, und was das einzige Mittel ist, ihn hier ruhig und glücklich zu machen, ist, daß er sich über Kopf und Ohren, völlig, ohne alle Rettung, verliebt. Dann werden schönere Gefühle bey ihm erwachen, dann wird alle sich einnistelnde Kälte, und zu weitgetriebene Spekulation verschwinden. Aber in den fetten Fluren Obotritiens scheints wol wenig Wahrscheinlichkeit ein Mädchen aufzufinden, die sein Mädchen seyn könte. – – Ich habe ein rundes rollendes Jahr auf dem Lande gelebt, und weiß, daß nur da Friede und Freude wohnt. Nahe bey meinem Size lag ein Ort: Qualiz; ein Priesterhaus voll Menschen, alle von verschiedenem Charakter, alle gut. Aber ein Engel ist darunter, die älteste Tochter. (Es ist nicht Friederike, von der mich dünkt dir einst geschrieben zu haben. Sie heirathet izt einen Doktor Medic.) Diese Qualizerin ist die versprochene Braut eines meiner Freunde, und so sehr meine Freundin, daß ich nie eine ähnliche gehabt habe, noch haben kann, selbst (dich ausgenommen) keinen solchen Freund. Sie ist so engelrein, so unschuldig, so from, so unfähig zu beleidigen! Kielm. kent und schäzt sie auch sehr.

Sieh, was ich dir für einen langen Brief geschrieben habe! Willst dus nicht erwiedern? Nicht mir von deinem Leben, deinem Herzen schreiben? – Aber, wahrlich, ich fühl es, ich liebe dich so sehr, daß ich dir doch bey jeder wichtigen Veränderung von mir Nachricht geben werde, wenn du mir auch nie schreibst. Meine Liebe zu dir ist doch immer helle Flamme, wenn auch kein Funken Gegenliebe von dir kömt. Ich hange mit dem Gefühle der festesten Zärtlichkeit an dir, und mit dem Bewustseyn, daß meine Liebe zu dir mein eignes Glück und mein Stolz ist. Sollten wir uns nicht noch mal vor der ersten Auferstehung sehen können? Becker soll in Madrid seyn, ist mir noch nicht erschienen, muß also noch leben.

Lebe wohl, lebe wohl!
J. E. B.

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